Beiträge zu Politik und Gegenwartskultur

Hefte aus dem Hausarrest

 

Sonntag, 5. April 2020
Die Fallzahlen steigen zwar weiter, noch gibt es aber keine klassischen Katastrophenbilder aus dem deutschen Gesundheitssystem. Draußen, auf den leeren Straßen, arbeitet ein sonniger Frühling an der Erzeugung von Heuschnupfenlagen. Unter diesen Umständen scheint die Diskussion um die Zukunft eröffnet. Wege aus dem Lockdown – so werden die Ausgangsbeschränkungen jetzt genannt – werden diskutiert und wie Herdenimmunität über einen verträglichen Zeitraum aufgebaut werden kann. Unklar scheint noch wie man die Senioren auf dem Weg zur unempfindlichen Herde am Sterben hindern will, denn – das wird recht unmissverständlich klar gemacht – das alles muss vor dem Impfstoff passieren, was anderes können wir nicht bezahlen.
ma

 

Donnerstag, 2. April 2020
Große Probleme bei den von der Staatsregierung zugesagten Hilfskrediten besonders für kleine und mittlere Unternehmen. Die Kreditvergabe wird von den Hausbanken abgewickelt, die an rechtliche Re-gularien gebunden sind und eine umfangreiche Risikoprüfung vornehmen müssen für die verbleiben¬den 10% der Kreditsumme, die staatlicherseits nicht abgesichert sind. Da es sich zumeist um dringen¬de Fälle handelt, kommt aus der Politik die Bitte an die Banken, auch mal eine Auge zuzudrücken. Klingt irgendwie nicht nach seriöser Wirtschaftspolitik.
Hqd


Die Ausgangsbeschränkung lässt das Gefühl entstehen, dass alles Leben jenseits des unmittelbaren Familienkreises nur noch medial vermittelt stattfindet. Vermutlich zeigt das verminderte Sozialleben hier nur eine Tatsache auf, die eigentlich grundsätzlich gilt. Im Nahbereich der persönlichen Kommunikation teilt man Probleme des Lebens und daneben vor allem auch Sichtweisen auf eine medial vermittelte Welt. Die spricht im Moment vor allem Corona.
ma

 

Mittwoch, 1. April 2020
Adidas will jetzt für seine Filialen doch die Mieten bezahlen. Dem Management ist klar geworden, dass der Imageschaden wesentlich größer ist als der Gewinn, den das temporär freiwerdende Geld auf irgendwelchen Kapitalmärkten erbringen könnte. Aber im Ernst. Es war doch alles sowieso nur ein Scherz, diese Inanspruchnahme der pandemisch bedingten Hilfsmaßnahme. A bisserl Spaß muss sein. Auch in trüben Zeiten. April! April!
Hqd

 

Montag, 30. März
Pressekonferenz mit Vertretern der bayer. Staatsregierung (Söder, Aiwanger, Herrmann, Huml). Die Ausgangsbeschränkung wird bis zum Ende der Osterferien am 19.4.2020 verlängert. Es findet jedoch keine Verschärfung der Maßnahmen statt. Auffallend ist, dass in dieser PK heute nicht einmal das Wort ‚Risikogruppe’ gefallen ist. Es darf vermutet werden, dass der mantra-artige Gebrauch dieses Begriffs in den letzten Wochen inzwischen auch bei den Verantwortlichen in der Politik als ziemlich verwirrend und kontraproduktiv erkannt worden ist, weil es all den Menschen, die sich dieser Gruppe nicht zugehörig fühlen, ein falsches Sicherheitsgefühl vermittelt und infolge davon zu mehr Verstößen gegen die Beschränkungen und daraus resultierenden Polizeieinsätzen führt. Sprache in Zeiten der Krise.
Hqd


Es ist wieder kalt geworden. Auf einen frühlingshaften Samstag und einen verhangenen Sonntag folgt ein Tag mit einer dünnen Schneedecke und Temperaturen um die 0 Grad. Heute wird auch klar: die Ausnahme wird länger dauern. Die Ausgangsbeschränkung endet nicht am 4. April, sondern frühestens am 19. bzw. 20. April. Das deckt sich mit meiner Erwartung. Je länger der Ausnahmezustand dauert, desto besser sitzt das neue Kleid der Normalität.
ma

 

Samstag, 28. März
Endlich mal wieder ein schöner Tag. Frühling. Ich unternehme meinen Gesundheitsspaziergang rüber an die Isar. Nachmittag. Auf dem Mittleren Ring rollt zügig der Verkehr. Auch an der Isar ist einiges los, aber, das fällt auf, die Leute achten auf den anempfohlenen Abstand. Früher bin ich um diese Zeit zu Hause gesessen und habe mir im Radio die Bundesliga-Berichterstattung angehört. Aber die gibt es ja nun gefühltermaßen schon seit Jahren nicht mehr.
Hqd


Im Reformhaus ist die maximale Anzahl von Kunden quotiert. Nicht mehr als 15 Menschen gleichzeitig werden auf den Verkaufsflächen gewünscht. Anders als im Biomarkt die Straße runter wird die Regelung aber nicht von Wachpersonal durchgesetzt. Bargeld ist aktuell fast überall verpönt und die Sicherheitsfeatures beim Kartenzahlen sind ausgesetzt: keine Unterschrift, keine Zahlenkombination, nichts, was Oberflächenkontakt benötigt.
Die mediale Präsenz der Pandemie ist nach wie vor hoch. Kein Wunder, ist es doch die erste Epidemie, die auch und vor allem erst einmal den neuen global orientierten Mittelstands betrifft und da sind die Medienschaffenden, rein soziologisch gesprochen, auch mit drin. Die drakonischen Gegenmaßnahmen spüren sie auch. Die intensiven Maßnahmen zum Aufbau von Pflege von Sozialkapital muss virtualisiert werden und das ist immer ein bisschen dünner als die Offlineinteraktion, vor allem wenn diese mit gemeinsamen Erlebnissen verknüpft ist.
Ein Volltreffer auf ohnehin rauer See bedeutet Corona für all jene, die ohnehin in prekären und schlecht bezahlten Jobs unterwegs sind. Von Homeoffice und Einschränkungen im Networking ist da keine Rede, auch nicht von Reserven um mal ein paar Wochen überstehen zu können.
ma

 

Freitag, 27. März
Adidas & Co. zahlen ihre Mieten nicht mehr und berufen sich dabei auf das Corona-Hilfsprogramm. Empörung auf Seiten der Politik. (Großes Schmunzeln aus den Chef-Etagen von Adidas & Co.) Mir kommt dabei eine Begebenheit in den Sinn, als ich im Dezember 2004 im Auftrag der Oberpfälzer Nachrichten über eine Gesprächsrunde mit dem tschechischen Historiker Frank Boldt, dem Schriftsteller Lutz Rathenow und einem tschechischen Journalisten und Unternehmer namens Rudolf Tomsu berichten sollte. Letzterer beklagte die ‚brutale Kälte’ und ‚gerissene Juristerei’, die in Tschechien vorherrsche, und attestierte seinem Land eine ‚Krise des Vertrauens’, weil, so behauptet er allen Ernstes, Marktwirtschaft nur auf Basis gegenseitigen Vertrauens funktionieren könne. (Großes Gelächter aus den Chef-Etagen von Adidas & Co.)
In der ARD wird berichtet, dass in Frankreich ein TGV zu einem fahrenden Hospital umgerüstet worden ist, damit Intensiv-Patienten schnellstmöglich in Fachkliniken gebracht werden können. Zum ersten Mal höre ich in diesem Bericht von schwersten Verläufen der Infektion auch bei vorher kerngesunden, jungen Männern. Kurz darauf wird das auch von Prof. Uwe Janssen, Präsident der DIV, bestätigt, der in einem Interview ebenfalls von schwersten Verläufen auch bei jungen Menschen berichtet. Die höhere Todesrate bei älteren Patienten führt er darauf zurück, dass jüngere Menschen aufgrund ihrer besseren Konstitution die dramatische Situation eher überstehen.
Nicht ganz ungefährlich also, diese demografischen Säuberungsansätze von Söder & Co. Weder gesundheitlich und schon gar nicht gesellschaftspolitisch, weil da zwei elementare Grundrechte auf Kollisionskurs gebracht werden; nämlich das Recht auf körperliche Unversehrtheit vs. das Recht auf materielle Versorgung. Und das könnte schneller als gedacht zu einer explosiven Angelegenheit werden.
Hqd


Die Olympischen Spiele sind jetzt verschoben bzw. abgesagt. Doch wenn es um die Planung zum größten Volksfest der Welt geht, herrscht noch Stille. Anscheinend fürchtet München diese Absage mehr als eine Ausgangsbeschränkung. Vor Mai oder gar Juni will man hier nicht Farbe bekennen. Immerhin haben die Cholera-Epidemien in den Jahren 1854 und 1873 auch schon zu Absagen geführt, aber noch ist anscheinend nicht klar, ob das, was gut war für das 19. Jahrhunder auch gut fürs 21. ist.
ma

 

Donnerstag, 26. März
Mein Tagesablauf findet inzwischen in routinierten Strukturen statt. Ich stehe spät morgens auf, früh-stücke und räume meine Wohnung auf, was zum Glück nicht allzu viel Zeit in Anspruch nimmt. Dann setze ich mich an meinen Laptop und schreibe ein, zwei Stunden. Dann gehe ich einkaufen, mache was zu essen und gehe dann ein bisschen spazieren, um dann hinterher noch mal ein paar Stunden am Computer zu arbeiten. Ich mache also das, was ich jetzt den ganzen Winter über auch gemacht habe. Aber eigentlich hatte ich mir schon vorgenommen, jetzt im Frühjahr etwas mehr unterwegs zu sein. Freunde und Freundinnen treffen und natürlich auch meine Kinder und meinen kleinen Enkel, vielleicht wieder mal ins Theater, hin und wieder ein Konzert und das eine oder andere Bier in einer der von mir bevorzugten Kneipen. Das alles geht nun leider nicht und ich bin froh, dass da noch gut 200 DIN-A4-Seiten Text seit Jahren auf seine finale Bearbeitung warten und worin ich verschwinden kann, wann immer mir der Sinn danach steht.
Die ziemlich rigide Ausgangssperre in Kolumbien ist bis Mitte April verlängert worden. Erlaubt sind Einkauf, Arztbesuch und 20 Minuten Gassi gehen, falls man einen Hund hat.
Hqd


Die Apotheke hat eine große Plexiglasscheibe auf Kopfhöhe der Verkaufstheke angebracht. Dieser improvisierte Spuckschutz ist vielleicht auch notwendig, weil neben Medikamenten jetzt auch Toilettenpapier verkauft wird.
ma

 

Mittwoch, 25. März 2020
Die bayr. Staatsregierung hat nachgebessert. Auf der Seite des Innenministeriums wird darauf hin­gewiesen, dass bezüglich des Kontakts zu den getrennt lebenden, minderjährigen Kindern die Aus­nahmeregelung nicht nur für Väter mit Sorgerecht sondern auch für Väter mit Umgangsrecht gilt.
Münchens OB Reiter (61) schlägt dem örtlichen Einzelhandel vor, für Senioren ab 65 zu deren Schutz exklusive Einkaufszeiten täglich von 8-9 Uhr zu reservieren. Wie das über die Bühne gehen soll, wenn in dieser Morgenstunde 266.265 Bürgerinnen und Bürger (Stand 2018) vor den Lebensmittelläden auf der Matte stehen, sagt er nicht. Und wie mit all den Senioren zu verfahren ist, die gerne mal aus­schlafen, das sagt er auch nicht.
Irgendwo sehe ich wieder Söder seine Lieblingsanekdote von hustenden, ‚Corona, Corona’-rufenden Menschen erzählen. Unterschwellig steckt darin nach meinem Empfinden die Botschaft, dass man das ganze Schlamassel zwar irgendwelchen alten Leuten zu verdanken hat, die man aber trotzdem nicht anhusten darf, weil die dadurch zu einer Belastung für das Gesundheitssystem werden könnten.
Hqd

 

Dienstag, 24. März
Diese ständig wiederholte Androhung der Ausgrenzung und Isolation bekommt etwas Bedrohliches. Ich lese in einer Kölner Tageszeitung einen Kommentar, in dem der Autor ziemlich bösartig über die Verantwortungslosigkeit älterer Menschen herzieht, die da glauben, sie müssten sich noch immer beim Einkaufen unter die restliche Bevölkerung mischen. Unterfüttert wird dieser Artikel durch ein Foto, auf dem ein altes Ehepaar in einem Supermarkt zu sehen ist, das sich vor einem Regal bückt, um den Preis der Ware lesen zu können. Ich bin auf der Suche nach einer detaillierten Statistik, die die Altersstruktur der Fallzahlen in Deutschland ausweist. Die lässt sich komischerweise gar nicht so leicht finden. Festzustehen scheint, dass der Löwenanteil der Infizierten im Bereich der 15-59-jährigen liegt. Endlich werde ich irgendwo auf der Seite des Robert-Koch-Instituts fündig. Dort steht, dass die meisten Covid-19 Fälle zwischen 35 und 59 Jahre alt sind. Was ja auch nur logisch ist, wo doch diese Altersgruppe durch Berufstätigkeit die höchste Kontaktdichte haben dürfte. Die meisten Todesopfer allerdings sind über 70 Jahre alt. Irgendwie drängt sich da der Gedanke auf, dass mit der Forderung nach Isolation von Alten und Kranken eigentlich, wenn man das in diesem Zusammenhang sagen darf, eine Täter-Opfer-Umkehr stattfindet, wenn man davon ausgeht, dass Alte und Kranke eher begrenzte Sozialkontakte haben und somit selbst kaum jemanden anstecken. Man müsste herausfinden, wie viele Fälle aus der Hauptinfizierten-Gruppe einen schweren Verlauf haben und eine intensive, klinische Betreuung in Anspruch nehmen.
Aber ich kann jetzt erstmal für eine ganze Weile das Wort Corona nicht mehr hören und sehen. Ich klappe meinen Internet-Rechner zu und bin entschlossen, ihn für den Rest des Tages auch nicht mehr hoch zu fahren. Ich schlüpfe in Jacke und Schal, stecke meinen Reisepass ein und mache jetzt, wie vom Gesundheitsministerium empfohlen, einen ausgiebigen Spaziergang an der ‚frischen’ Luft.
Hqd


Die Angst kriecht langsam durch die Ritzen der Wohnung. Noch nicht schrill, aber doch mit mehr Präsenz als noch zum Wochenende. Der junge Mann, der sich lautstark mit Headset unterhaltend auf der Supermarktrolltreppe nah an einem vorbeidrängelt, bekommt schon den Titel 'Arschloch des Tages'.
ma

 

Montag, 23. März
Seit heute gilt ein bundesweites Versammlungsverbot, das sich nicht wesentlich vom etwas strengeren in Bayern unterscheidet, das ja für uns hier nach wie vor maßgeblich bleibt.
Ich lese in einem Artikel auf der BR-Seite über die Einhaltung der Corona-Regeln, dass der Sprecher der Münchner Polizei Marcus da Gloria Martins in diesem Zusammenhang von einem Problem mit der Altersgruppe 45+ spricht.
Hqd


Im Hausflur der Wohnanlage hängt ein Zettel von der Familie gegenüber. Sie bietet anderen Bewohnern Unterstützung bei der Organisation und Durchführung der täglichen Grundversorgung an. Der Altersdurchschnitt der Bewohner ist vergleichsweise hoch, einige sind kurz nach der Fertigstellung der Anlage in den späten 60er-Jahren eingezogen. Das Angebot ist furchtbar nett und zugewandt formuliert, macht aber vor allem ein schlechtes Gewissen. Wir sind, wie man so schön sagt in unseren besten Jahren, im Moment noch gesund und müssen lediglich einen Vertreter der Elterngeneration betreuungsseitig abfangen, der – eingesperrt im Pflegeheim – seine Eigenheiten zunehmend telefonisch ausagiert, kurz: auch wir hätten theoretisch Krisenunterstützung anbieten können. Haben wir aber nicht.
ma

 

Sonntag 22. März
Ich finde auf der Website des Bayr. Rundfunks folgende Meldung: Wie das Familienministerium mitteilte, können ab morgen auch die Familien eine Betreuung in Kindertagesstätten und Schulen wahrnehmen, in denen nur ein Elternteil in der Gesundheitsversorgung oder Pflege tätig ist.
Ich leite das an den Bodensee weiter, weil dort ja nun nach in Kraft-Treten der Ausgangsbeschränkung die privat organisierte Kinderbetreuung nicht mehr möglich ist.
Ansonsten verläuft der Sonntag einigermaßen entspannt. Allerdings stelle ich fest, dass ich mich seit ein paar Tagen wesentlich häufiger im Internet bewege, als ich das sonst tue. Mein Hauptrechner war bislang mein offline Laptop, an dem ich an meinen Texten arbeite oder Downloads lese. Das hat sich momentan etwas geändert. Ich bin auf der Suche nach näheren Informationen zum Begriff ‚Risiko-gruppe’, (die, nebenbei gesagt, von seiner Wortaura her suggeriert, als ginge von ihr eine Gefahr aus). Ich fühle mich zwar einigermaßen gesund, falle aber alterstechnisch in diese Gruppe, die da wie auch immer isoliert werden soll, was mich verständlicherweise ziemlich unbehaglich macht. Das Robert-Koch-Institut, das mittlerweile in aller Munde ist, spricht in dieser Hinsicht von 50-60-jährigen aufwärts, von Zuckerkranken, Menschen mit geschwächtem Immunsystem und sonst noch einigen anderen Krankheitsbildern.
Hqd


Spaziergehen zur Erhaltung der wohl auch psychisch gemeinten Gesundheit gilt als eine der legitimen Ausnahmen der Ausgangsbeschränkung. Kann bei uns nicht gemeinsam umgesetzt werden. Ein abgestürztes IT-System zwingt zum Sonntagseinsatz und häufelt damit persönlich Arbeit, die im Bekanntenkreis schon teilweise ausgeht. Je enger die Koppelung an Kulturarbeit oder Gastro ist, desto durchgreifender die Auswirkungen. Im Bekanntenkreis gibt es bereits die ersten Corona-Arbeitslosen.
ma

 

Samstag, 21. März
Pünktlich zum Frühlingsanfang der erste Schnee, der zumindest auf den Autodächern eine Weile lie­gen bleibt. Kalt. Die Ausgangsbeschränkung ist in Kraft. Ich schlafe lange, frühstücke ausgiebig und gehe ins Netz, in dem es, egal wohin man auch sieht, nichts anderes mehr zu geben scheint als Co­rona. Und was in der Flut von Berichten immer häufiger auftaucht ist das Wort ‚Risikogruppe’. Und dass diese zum eigenen Schutz isoliert werden muss. Davon hat ja auch Söder gestern auf der Presse­konferenz schon ausgiebig gesprochen und hat sie auch explizit benannt: Alte Menschen und Men­schen mit Vorerkrankungen. Insbesondere in Erinnerung geblieben ist mir die von ihm vorgetragene Anekdote von den jungen Leuten, die älteren Menschen ins Gesicht husten und ‚Corona, Corona’ dabei rufen.
Hqd


Der Erste Tag an dem die vorläufige Ausgangsbeschränkung gilt. Homeofficeregelungen sind bereits seit Mitte der Woche in Anwendung und bringt die IT-Abteilung ins Schwitzen. Der Stammsupermarkt zeigt Lücken bei Toilettenpapier, Reis und der Lieblingspizza. Auch Markenglasreiniger hat sich rar gemacht. Im Wartebereich vor den Kassen finden sich liebevolle, im Firmenlayout gehaltene Hinweise auf dem Boden mit der Bitte im Sinne der Gesundheitsvorsorge, doch Abstand zu halten.
Die neuen Beschränkungen schlagen noch nicht auf das Lebensgefühl durch. Der Samstag allein zu zweit als durchaus übliche Praxis. Jeder soll sein eigener Herr sein – das war bisher vor allem als Referenzsystem der psychischen Haushaltung gedacht. Jetzt soll es auch physisch gelten.
Der oder die Einzelne mag Träger des Virus sein, aber als Vereinzelter ist er oder sie kein Überträger. Hier kommt das Idealbild einer Gesellschaft zum Vorschein, in der alle erst einmal eine Inkubationszeit lang zu Hause bleiben und alle Fälle dann mit 100%iger Sicherheit gemeldet werden. Vorstellen können sich das vor allem die Apologeten der Digitalisierung. Hier neigt man zur geistigen Abwertung all der Prozesse und ihrer Akteure, die mit dem Schmutz der physischen Gütererzeugung und der Durchführung von Versorgungsdienstleistungen aller Art beaufschlagt sind. Klar: die Pizza wird im Internet bestellt und die Bestelloberfläche wurde gegebenenfalls von einem Webdesignerteam im neuen Business Space in Berlin Mitte erstellt, das locker den Code auch vom Homeoffice aus erzeugen kann. Aber die Komponenten dessen, was da kommt, hat eine lange Kette menschlich begleiteter Reisen und Distributionsleistung hinter sich. Von dem tatsächlichen Backen im kleinen Team in der überhitzten kleinen Klitsche zwei Straßen weiter einmal ganz abgesehen.
ma

 

Freitag, 20. März 2020
In Kolumbien ist bis kommenden Dienstag strikte Ausgangssperre. Montags ist dort Feiertag und man will wohl verhindern, dass sich alle Welt an irgendwelchen beliebten Ausflugszielen tummelt. Die Schulen sind dort seit einer Woche ebenfalls geschlossen. Und man hat auch hier auf Digital-Unterricht umgestellt. In einer Elite-Schule in Bogota ist das kein Problem. Die sind da wahrscheinlich besser ausgestattet als so manche Schule in Deutschland. Aber für die weniger privilegierten Schulen des Landes wird das wohl eher ein umso größeres Problem sein.
Mittags Pressekonferenz mit Söder, Aiwanger, Herrmann und Huml. Ausgangsbeschränkung! Das war zu erwarten, das hatte sich angedeutet und kommt eigentlich auch nicht mehr überraschend. Aber die Allgemeinverfügung aus dem Gesundheitsministerium, in der die ab Samstag geltenden Bestimmungen formuliert werden, hat es in sich. Darin heißt es u.a., dass bei getrennt lebenden Eltern der Umgang mit den eigenen Kindern nur erlaubt ist zur Ausübung des Sorgerechts. Das ist ein Hammer. Das heißt, dass z.B. Vätern, die nur das sog. Umgangsrecht haben, für die Dauer des Ausnahmezustands der Kontakt zu ihren Kindern untersagt ist. Gesundheitspolitisch lässt sich eine derart gravierende Unterscheidung zwischen Vätern mit und ohne Sorgerecht nicht nachvollziehen. Diese Verfügung aus dem Gesundheitsministerium riecht eher nach konservativer Familienpolitik, die da unter dem Mäntelchen des Infektionsschutzes reaktiviert werden soll. Da heißt es also aufgepasst, was da jetzt sonst noch so alles an gesellschaftspolitischen Maßnahmen auf den Weg gebracht wird.
Hqd

 

Donnerstag, 19. März 2020
Ich komme von meinem täglichen Spaziergang nach Hause und treffe auf der Treppe einen Nachbarn, der völlig außer sich ist. Er sei gerade draußen im PEP-Einkaufszentrum gewesen und habe dort festgestellt, dass da draußen alles dicht ist. Er selbst arbeitet in der Gastronomie und hat gedacht, dass nur Gaststätten geschlossen hätten. Ich kläre ihn auf.
Hqd

 

Mittwoch, 18. März 2020
Ich lese seit Wochen schon bis tief hinein in die Nacht (Das Kapital 1) und bin froh, dass ich ohne schlechtes Gefühl morgens ausschlafen kann, solange ich will. Es ist ein sonniger Tag und ich lege heute meinen Waschtag ein. Waschsalon an der Tegernseer Landstraße. Außer mir ist niemand da und ich stelle einen Stuhl raus aufs Trottoir in die Sonne. Im Wienerwald nebenan betreibt man einen regen Straßenverkauf. Eigentlich sieht alles aus wie immer.
Hinterher spaziere ich gemütlich heimwärts, mache mir noch mal einen Kaffee und setze mich wieder an meinen Rechner und schreib weiter an dem Text, den ich gerade in Arbeit habe. Ich stelle fest, dass sich für mich persönlich die ganze Angelegenheit noch ziemlich entspannt anfühlt.
Hqd

 

Dientag, 17. März 2020
Ich schlafe bis in die Puppen. Nach einem ordentlichen Frühstück setze ich mich in den Bus in die Innenstadt, um mir die ausgangsbeschränkte Stadt anzuschauen. Der Bus ist nahezu leer. An der nächsten Haltestelle steigt ein leicht verwahrloster Mann mit großer Plastiktüte ein und zwängt sich neben mich auf den freien Nachbarsitz. Verdammt eng hier drin, sagt er zu mir. Ich frag ihn, ob er sich denn nicht woanders hinsetzen könne. Der Bus ist doch leer. Wo solle er denn hin?, fragt er mich. Nicht aggressiv sondern eher hilflos verwirrt. Ich stehe auf, schlängle mich an ihm vorbei und setze mich auf die freie Sitzbank am Heck des Busses.
Ich fahre vorbei an all den geschlossenen Läden, den Buchhandlungen und Cafés, den Boutiquen und Schmuck-Geschäften und Reisebüros und es ist leicht vorstellbar, auf welch glühenden Kohlen jetzt nicht nur die Betreiber dieser Unternehmungen sitzen, sondern auch deren Angestellte, von denen doch kaum einer der Illusion nachhängen dürfte, dass all das in ein paar Tagen wieder vorüber ist. Und ich bin irgendwie erleichtert, dass ich selbst altersbedingt keiner Lohnarbeit mehr nachgehen muss. Aber das ist kein Grund zur Freude. Zum einen bekomme ich meine magere Rente nicht vom lieben Gott geschickt und zum anderen braucht es nicht viel Fantasie um sich auszumalen, wie schwer sich die Existenzängste all dieser Menschen in die eh schon nicht ganz leichte Atmosphäre der Stadt einlagern werden.
Hqd

 

Montag, 16. März 2020
Ich bin abends in einer beliebten Kneipe im Westend und trinke dort noch ein Bier, bevor am nächsten Tag dicht gemacht wird. Hinter der Bar ein alter Freund von mir, mit dem ich noch einmal anstoße auf die klasse Musik, die er seit über zwanzig Jahren in die Stadt holt. Er ist hauptberuflich Konzert-Veranstalter und ihm brechen gerade, wie vielen anderen Leuten aus dem Kulturbetrieb, all seine Einnahmequellen unter den Füßen weg.
Hqd

 

Sonntag, 15. März 2020
Eine baldige Ausgangssperre liegt in der Luft und ich fahre, solange das noch geht, runter an den Bodensee zu einem Familienbesuch. Es sind auffallend wenig Asiaten im Zug, wo doch diese Strecke bis Buchloe normalerweise massiv frequentiert wird von Neuschwanstein-Touristen und man oft ge¬nug bei passendem Wetter kaum ein Sitzplatz ergattern kann. Schul- und Kita-Schließungen sind auch am Bodensee ein Thema. Notbetreuungen für Kinder von Eltern in systemrelevanten Berufen stehen aber nur Alleinerziehenden zur Verfügung. Deshalb organisiert man sich im privaten Umfeld.
Hqd

 

Freitag, 13. März
Schulen und Kitas schließen.
Auf der Website des bayrischen Rundfunks wird diese Maßnahme dreimal redaktionell kommentiert. Pro und Contra und dann noch ein Kommentar vom Chefredakteur höchstselbst, in dem ich u.a. folgendes lese: Alte und gesundheitlich vorbelastete Menschen müssen – so schwer das fällt - isoliert werden. Diese Formulierung erzeugt irgendwie eine sehr ungute Assoziation. Bei dieser Wortwahl denkt man nicht unbedingt an Gesundheitsschutz sondern eher an die gesellschaftliche Ausmusterung eines vermeintlich ökonomisch nicht mehr verwertbaren Bevölkerungssegments.
In den Schulen soll vorläufig ein Not-Unterricht digital weiter geführt werden. Man geht offenbar davon aus, dass inzwischen auch die Ärmsten im Lande entsprechend technisch ausgerüstet sind. Daran darf gezweifelt werden.
Hqd