Beiträge zu Politik und Gegenwartskultur

Hefte aus dem Hausarrest

 

Samstag 30. Mai
Entgegen der Wettervorhersage zeigt sich der Himmel Vormittags weitgehend wolkenfrei. Das ermög­licht uns einen ausgiebigen Spaziergang auf verschlungenen Wegen im Fünf-Seen-Land. Das Tragen von Masken in öffentlich zugänglichen Innenräumen hat sich schon seit Wochen durchgesetzt. Beim Lebensmitteleinkauf finden sich keine Rebellen ‚oben ohne’.
Glaubt man Medienberichten, nimmt die Katastrophe vor allem in den USA weitgehend ungehindert ihren Lauf. Rückläufigen Zahlen in Europa stehen fürchterlich hohe Todes- und Infektionszahlen in Amerika gegenüber. Trump beendet nach eigener Aussage die Zusammenarbeit mit der WHO. Einen Schuldigen für die dramatische Lage muss es jenseits der aktuellen Administration geben, wenn die Wiederwahl allerhöchste Priorität hat. Medial ist die kaum geminderte Wucht der Pandemie aktuell ohnehin in den Hintergrund getreten. Eine gewalttätige Verhaftung eines Afroamerikaners mit Todes­folge in Minneapolis führte zu umfangreichen Ausschreitungen, die ein deutliches Licht auf den realen Stand der formalen Rechtsgleichheit im Land der Freien werfen.
ma

 

Dienstag, 26. Mai
Nach ein paar Tagen Enthaltsamkeit, in denen ich mich mehr um mein persönliches Management der Corona-Krise als um deren mediale Aufarbeitung gekümmert habe, werfe ich heute morgen beim Frühstückskaffee dann doch wieder mal einen Blick auf den täglichen Live-Blog der ARD und lese dort als erste Meldung, dass lt. dpa und ‚Handelsblatt’ Wirtschaftspolitiker der Union in einem ‚Wachstumsprogramm für Deutschland’ u.a. die Absenkung des Mindestlohns und die Erhöhung der Wochenarbeitszeit auf 48 Stunden empfehlen. Was eine Stagnation (und faktische Absenkung) des Lohnniveaus ganz generell erwarten lässt. Die Roadmap zurück zur wirtschaftlichen Normalität ist auf dem Tisch. Das war vorhersehbar und überrascht nur in seiner etwas direkten Art. So eine Vorgehensweise glaubt man sich momentan noch leisten zu können, wo doch noch immer (mehr oder weniger) solidarisch an der Corona-Front gekämpft wird und die Gedanken der Menschen noch immer voller Anerkennung den Heldinnen und Helden des Pandemie-Alltags zugewandt sind. Ok, die Bilder von applaudierenden Bewunderern und Musik-Ständchen vor Pflegeheimen sind ein bisschen seltener geworden. Aber trotz-dem sind die Corona-Held*innen nach wie vor ein ergiebiges Thema in den Medien. ‚Heldenprämien’ für Beschäftigte in systemrelevanten Berufen, Einkaufsbegünstigungen für Held*innen bei Rewe. Und auf Bayern 1 gibt es sogar Heldenwochen, in denen besonders verdienstvollen Held*innen Wohlfühlwochenenden versprochen werden. Gemeint sind u.a. Pfleger*innen, Paketzuzsteller*innen, Verkäufer*innen, Lagerkräfte. Und all diesen Menschen, die bisher das Alltagsleben zumindest einigermaßen aufrecht erhalten haben, soll nun die Möglichkeit gegeben werden, von einfachen Held*innen in den Rang von Superheld*innen aufzusteigen, indem man ihnen schon mal nahebringt, dass sie zukünftig für ihre eh schon lausig bezahlte Arbeit noch weniger Geld bekommen werden. Im wahren Hollywood-Leben verrichten Super-Held*innen ihre Heldentaten natürlich ohne einen Lohn zu erwarten. Soweit muss man hier und jetzt nicht gehen. Es gibt ja auch noch die 1-Euro Jobs, in denen man sich heldenhaft beweisen kann und statt einem angemessenen Lohn etwas Applaus bekommt. Es verwundert nicht, dass ausgerechnet jetzt, wo es darum geht, die Wirtschaft wieder hochzufahren, eine fast vergessene Stimme aus den Tiefen einer niedersächsischen Höhle zu vernehmen ist. Es ist die Stimme des immer noch führenden Fachmanns, was die Entwertung von Arbeit anbelangt: Gerhard ‚Gedöns’ Schröder, der in einem Podcast seinen Beitrag leisten will zur Wiedergenesung der deutschen Wirtschaft. Eine Flasche Bier für den Mann, for old times‘ sake.
Hqd

 

Sonntag 24. Mai
Die Temperaturen haben sich noch nicht wieder von den gestrigen Regengewittern erholt. Wir laufen gehen trotzdem ein bisschen auf dem Land spazieren. Spaßeshalber recherchieren wir ob unsere Lieblingswirtschaft ihren Betrieb wieder aufgenommen hat. Der dortige Biergarten war im Sommer immer Anziehungspunkt für die Gegend und würde einen Betrieb unter Corona-Bedingungen zulassen. Das ist auch der Fall, nur die Betriebsbedingungen haben sich in der früher recht unprätentiösen Wirtschaft doch deutlich geändert. Telefonische Reservierungen mit Kontaktdaten sind unabdingbar. Der Tisch wird ab Eingang des Biergartens zugewiesen. Mindestabstand von 1,5 Meter und Maskenpflicht auf dem gesamten Geländer außer am Tisch. Es dürfen sich maximal zwei Haushalte einen Tisch teilen. Wir sind uns nicht sicher ob uns das unprätentiös genug ist und sehen vorerst von einem Reservierungsversuch ab.
ma

 

Samstag, 23. Mai
Wolken ziehen übers Land und werfen ihre Fracht in stürmischer Atmosphäre ab. Das spült die Oberbayerischen und Allgäuer Corona-Proteste hinweg.
ma

 

Freitag, 22. Mai
Es ist kurz nach zwölf Uhr mittags und ich bin auf dem Weg rauf zur Post an der Tegernseer Landstraße, um dort einen Brief aufzugeben, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob er vom Gewicht her noch als Großbrief durchgeht oder schon als Maxi-Brief frankiert werden muss. Als ich durch die Schiebetür in die Schalterhalle eintreten will, werde ich von einem jungen Security-Mann gestoppt. Ich bräuchte eine Maske, sagt er mir. Ich deute auf mein Halstuch, das ich mir über Nase und Mund gezogen habe und das, wo immer ich die letzten Wochen maskenpflichtiges Terrain betreten habe, als Mund-Nasenschutz akzeptiert wurde. Nicht hier bei der Post, werde ich aufgeklärt. Ich bräuchte eine reguläre Maske wie die seine. Sie sieht aus wie das Modell, das auch in Arztpraxen verwendet wird und von dem mir meine Tochter letzthin eine mitgebracht hat. Ich verzichte auf sinnlosen Protest und mache ich auf den Rückweg, hole die Maske und warte auf den nächsten Bus rauf zur Tegernseer. Gerade als ich in den Gang zur Schalterhalle trete, sehe ich, wie sich dort langsam ein Rollgitter hernieder senkt. Ausgestattet mit ordentlicher Maske frage ich bei dem jungen Security-Mitarbeiter nach, ob ich denn nicht wenigstens noch schnell diesen einen Brief wiegen lassen könnte, damit ich weiß, wie viel ... Nein, sagt mir der junge Mann ziemlich ungehalten, kein Einlass mehr. Es ist 13 Uhr und Mittagspause. Ich kann mich nicht erinnern, dass hier vor Corona das ‚Postamt’ über Mittag geschlossen wurde. Ich bin mir sicher, dass die Postler hier rollierend Mittag gemacht haben und durchgängig immer ein paar Schalter besetzt blieben. Ich nehme den nächsten Bus und kaufe auf dem Rückweg im Supermarkt noch einen Bund Suppengrün. Und lege bei der Gelegenheit meinen Brief auf die Gemüsewaage und sehe, dass er ca. 450 Gramm wiegt und mithin noch in der billigeren Großbriefvariante verschickt werden kann. Zu Hause mache ich mir jetzt erstmal was zu essen. Kurz nach drei mache ich mich ein drittes Mal auf den Weg und sehe eine Menschenschlange von 50-60 Metern Länge aus dem ‚Postamt’ herausquellen, die dann mit einem scharfen Rechtsknick bis zu den Treppen der U-Bahn-Station reicht. Geduldig stehen die Menschen und warten. Ich hole mir am Briefmarkenautomaten die passende Marke und schmeiße meinen Brief in den Briefkasten. Von der Bushaltestelle gegenüber sehe ich, dass sich die Menschenschlange kaum bewegt. Die Menschen, im Freien noch teilweise ohne Maske, wirken stoisch, als habe man sich bereits an derartige Zustände gewöhnt. Was soll man auch machen? Wenn man ein Paket abholen will oder ein Einschreiben aufgeben muss, hat man gar keine andere Wahl, als zu warten. Und ich denke mal, solche Bilder werden auch nach Corona normal bleiben. Die Deutsche Post AG wird sich diese Chance nicht entgehen lassen, ohne öffentlichen Protest die Profitrate weiter zu steigern, indem sie Kosten senkt durch noch mehr Auslagerungen an Sub-Unternehmer und ineffizient ausgestattete Filialen in Bäckereien, Shisha-Bars und Schreibwarenläden, Einrichten von schwer erreichbaren Paketstationen und durch einen deutlich erhöhten Anteil an digitaler Eigenleistung auch für den Privatkunden. Die Service-Qualität wird sich im privaten Bereich noch weiter vermindern, was BlackRock Inc. als Großaktionär wenig interessieren dürfte, solange die Rendite im Geschäftskundenbereich stimmt. Und dank Corona boomt der Versandhandel und das wird wohl auch nach Ende der Maskenpflicht so bleiben.
Hqd

Die Erschütterung ist groß, denn ‚wir’ haben ‚unseren’ Vatertag verloren. Soll heißen: der Teil der Bevölkerung, der sich als Mann definiert hat dieses Jahr keine Möglichkeit sich zwecks Alkoholkonsum zu haushaltsübergreifenden Kleingruppen zusammenzurotten. Auf die Besorgnis im Vorfeld folgt die mediale Entwarnung am gestrigen Abend. Der Drang zum Ausflug ins Grüne bei bestem Wetter scheint groß gewesen zu sein, die ohnehin regional unterschiedlichen Regelungen wurden mehr schlecht als recht eingehalten, echte Abstandsverletzende Bollerwagenzusammenrottungen schienen die Ausnahme gewesen zu sein.
ma

 

Montag, 18. Mai
Besorgungen, die der Auskunft eines Fachhändlers bedürfen, treiben mich in die Stadt. Es ist das erste Mal seit zweieinhalb Monaten, dass ich das Gebiet innerhalb des mittleren Rings bereise oder ein öffentliches Verkehrsmittel benutze. Es ist ein blendender Tag. Das Wetter hat sich über das Wochen-ende erholt und tut jetzt wieder so, als sei es ernst mit dem Klimawandel. Das passt gut zum Startschuss im Biergartenbetrieb, der zum heutigen Tag abgegeben wurde. Die Gehsteigstelltischchen der Gastronomen, die den Betrieb wieder aufgenommen haben, werden jedenfalls schon fleißig genutzt. Die Atmosphäre ist insgesamt recht entspannt bei hoher Vermummungspräsenz. Ansonsten tut die angeblich so beschleunigte späte Moderne kaum ihr Werk. München sieht noch so aus wie vor dem Lockdown obwohl man ‚irgendwie’ etwas anderes erwartet. Nur die Eingangshalle vom Hauptbahnhof wurde im Rahmen des Neubaus inzwischen abgerissen und hat einer riesigen Baugruppe Platz gemacht. Bauarbeiten kann man anscheinend corona-neutral und mit Abstandsregel durchführen.
Widerwillig steuere ich auf den Laden zu. Dort ist die Anzahl der Kunden auf drei beschränkt und man bedeutet mit verbal und mit einer Absperrung hinter der Eingangstüre, dass die Zahl bereits erreicht ist. Immerhin bin ich der einzige der wartet. Das hat sich geändert als ich den Laden mit meinen Besorgungen verlasse, drei Paare stehen vor der Tür und freuen sich mit mir über meinen Einkaufserfolg. Ich bin tatsächlich froh draußen zu sein. ‚Sich mal umschauen’ im Sinne von Shopping als Zweck an sich liegt mir ohnehin nicht. Mein Faible fürs Einkaufen ist seit meinen 20ern immer mehr zurückgegangen und das, obwohl der Fokus bei Themen jenseits der Notwendigkeit von je her auf Buch- und Plattenläden lag. Corona steigert meinen Widerwillen eher noch. Das könnte zu einem echten Post-Shopping-Livestyle führen. Zumindest physisch.
ma

 

Samstag, 16. Mai
Neues aus der Reihe ‚Bestellt und nicht abgeholt’: Laut einem Bericht des Deutschlandfunks stapeln sich in der Ukraine mittlerweile die von Leihmüttern ausgetragenen Babys, die die Auftraggeber aus aller Welt aufgrund der Corona-Reisebeschränkungen nicht abholen können. Die Ukraine ist eines der wenigen Länder weltweit, in der kommerzielle Leihmutterschaften erlaubt sind. Und Stand heute war­ten dort über 100 neugeborene Babys auf ihre Abholung. Und es werden täglich mehr. Eines der Un­ternehmen, die sich dieses Geschäftsmodell auf die Fahnen geschrieben haben, nennt sich BioTexCom – ‚Center for human reproductions’ und versichert in einer Art Werbe-Video, in dem reihenweise Baby­betten dicht an dicht in einem großen Saal zu sehen sind, dass die Säuglinge hier professionell be­treut, gewickelt und gewaschen würden. Also für alles gesorgt, was so ein Kind braucht, dass es von der ersten Sekunde an weiß, auf was für einer Scheißwelt es hier gelandet ist. Das bisschen Nestwär­me, Körperkontakt, vertraute Stimmen, Zärtlichkeiten und ganz viel Zeit zum Aufbau eines Urvertrau­ens – geschenkt. Aber für die Eltern in spe, darunter auch viele aus Deutschland, gibt es Video-Schal­ten über das Internet, die so ‚ihre’ Kinder wenigstens kurz sehen könnten. So schwangerschaftslose Neu-Eltern brauchen das ja auch, damit sich ihre Hormonlagen schon mal ausrichten können an den großen Aufgaben, die da auf sie zu kommen. (Es sei denn, dass das Kind behindert ist und deshalb unter Nutzung aller rechtlicher Möglichkeiten eine Übernahme desselben abgelehnt wird.) Kein Tag ohne einen neuen Wahnsinn, der da dank Corona aus den Untiefen einer Normalität gespült wird, von der ich mir allmählich nicht mehr so sicher bin, ob ich sie tatsächlich wieder zurück haben will. Nicht so eine, jedenfalls.
Hqd

Die samstäglichen Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen verstetigen sich. Noch ist alles dabei. Von Nazis, Impfgegnern, Verschwörungstheoretikern, Verteidigern der Grundrechte bis zu Lin­ken. Vereinzelt regt sich schon innerer Widerstand gegen diese Bandbreite. Die Politik hat vor allem Angst vor der Entstehung einer Art neuen Pegida.
ma

 

Freitag, 15. Mai
Die Eisheiligen fegen durchs Land und bringen seit Tagen eine gesunde Grundkühle und Regen mit. Glaubt man den Meinungsumfragen und den Medien, die über sie berichten, hat sich auch die Liebe der Deutschen zu den Maßnahmen abgekühlt. Die Zustimmung ist zwar nicht im freien Fall, sinkt aber. Vor allem der Lockdown des eigenen Soziallebens wird den Erhebungen zufolge zunehmend unterlaufen.
ma

 

Dienstag, 12. Mai
Langsam entwickelt sich das Bedürfnis mal wieder in die Stadt zu fahren. Nicht unbedingt die klassische ladenverseuchte Innenstadt mit ihrer Fußgängerzone, sondern gegebenenfalls eines der Viertel drumherum. Schlendern an einem Frühlingssamstag um die Atmosphäre aufzunehmen, irgendwo ein Eis zu kaufen und zu sehen wo gerade Angriffe gegen den Altbaubestand geführt werden. An sich stünde ja keine Verordnung mehr gegen so ein Vorhaben, nur muss ich feststellen, dass sich mein Verhältnis zum ÖPNV in den letzten zwei Monaten gewandelt hat. Ich habe mich nicht ungern in Busse und Bahnen gesetzt um meine innerstädtischen Ziele zu erreichen – zumindest, wenn das jeweilige Gefährt nicht hoffnungslos überfüllt war. Jetzt empfinde ich eine gewisse Scheu und mir fallen die ablehnenden Kommentare aus dem Bekanntenkreis aus alter Zeit wieder ein. Dort wurde der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel schon früher mit einer Mischung aus Klassismus und Infektionsbedenken begegnet. Ich fürchte, dass eine vermehrte Rückkehr zum Individualverkehr eine der Langzeitfolgen der Virus sein könnte – auch bei mir selbst.
ma

 

Montag, 11. Mai
Der Kreis Coesfeld in Nordrhein-Westfalen hat die Notbremse gezogen. Dort hätte ab heute das Leben wieder ein Stückchen weit in Gang kommen sollen. Alles für mindestens mal eine weitere Woche ab-gesagt. Gastronomie, Geschäfte und Dienstleister bleiben geschlossen bei laufenden Kosten. Schuld daran, so lese ich auf der ARD-Seite, sind die katastrophalen Hygiene- und Arbeitsbedingungen bei ‚West-fleisch’, wo sich inzwischen ca. 260 Beschäftigte eines Sub-Unternehmers, an den die Produktion ausgelagert war, mit dem Corona-Virus infiziert haben. In diesem Artikel wird der Pfarrer Peter Kossen zitiert, der meint, dass die Ansteckungen vorhersehbar gewesen seien, weil die zumeist osteuropäischen Arbeitnehmer ‚massiv in ihrer Arbeit ausgebeutet’ würden, sich bis zum Umfallen ab placken und nach Feierabend ‚oft sehr prekär untergebracht (sind) in Sammelunterkünften, in verschimmelten Zimmern. Da kann von Abstandsregeln keine Rede sein, auch nicht von Hygiene.’ Laut Deutschem Gewerkschaftsbund gibt es Berichte, dass auch erkrankte Arbeitnehmer körperliche Schwerstarbeit verrichten mussten. Und all das in der Regel für den Mindestlohn von Euro 9,35 brutto die Stunde. Deutschland 2020. In diesem Zusammenhang wäre es interessant zu erfahren, wie es eigentlich in anderen Bereichen der Lebensmittelproduktion so um den Schutz der Arbeiter*innen bestellt ist. Zum Beispiel bei der Spargelernte, wo die meist osteuropäischen Erntehelfer vermutlich auch nicht in Einzelzimmern untergebracht sind.
Hqd

 

Sonntag, 10. Mai
Die Corona-Krise wirkt wie ein Generator, der ständig neue Wortkreationen und Begriffsinhalte in den alltäglichen Sprachgebrauch spült. Letzte Woche war das zweifellos die ‚Notbremse’, die im Corona-Kontext die lokale Rücknahme der Lockerungen bei neuerlicher Gefahrenlage beschreibt. Nun wirken die Corona-Maßnahmen insgesamt trotz einiger bedenklichen Einschränkungen definitiv auch kathartisch, z.B. was Umweltbelastungen anbelangt. Und im Idealfall könnte sich die ‚Notbremse’ in ähnlicher Weise nun auch auf anderen Problemfeldern als nützlich erweisen. Zum Beispiel bezüglich der Ar-beitsbedingungen in der industriellen Fleischverarbeitung. Oder endlich auch bei der Durchsetzung von rechtsverbindlichen Standards in Alten- und Pflegeheimen sowie in Asylunterkünften. Mal sehen, was die ‚Notbremse’ noch so alles ans Licht der Öffentlichkeit befördert und welche praktischen Konsequenzen daraus gezogen werden. Vor allem dann, wenn eine ‚Notbremse’ nicht punktuell greift, sondern zu allgemeinen Maßnahmen in einer ganzen Region führt.
Hqd

Wochenende – Demozeit. Im Anschluss an die erste Akutphase formiert sich anscheinend langsam eine breite Gegnerschaft gegenüber den Corona-Maßnahmen. Zumindest berichten die Nachrichten von Demonstrationen in mehreren Städten (je nach Provenienz der Teilnehmer auch unter Missachtung der Abstandsregel). Auch der juristische Klageweg wird offensichtlich mehr und mehr beschritten. Es ist zwar nur schwer einzuschätzen wie repräsentativ die paar 1.000 Menschen auf den öffentlichen Plätzen der diversen Städte nun letztlich sind, aber auch im Alltag scheint sich eine gewisse Sehnsucht breit zu machen, dass das neue Normal nicht allzu weit vom alten Normal entfernt sein möge. Der eigene Einblick ist dabei aber begrenzt. Außer Schreibtisch, Supermarkt und gelegentlicher Spaziergänge im Umland gibt es nach wie vor kein Leben außerhalb der Wohnung.
Der 75. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai ist zwar nicht komplett untergegangen, wurde aber mit weniger Pomp begangen als wahrscheinlich ursprünglich vorgesehen. Die tendenziell risikobehaftete Zusammenkunft hat man zu diesem Anlass weitgehend vermieden. Die waren den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen vorbehalten.
Ein erneuter Coronafall im Pflegeheim der Schwiegermutter unterläuft alle Ambitionen den direkten Kontakt nach Monaten der heiminternen Isolation wieder herzustellen.
ma

 

Samstag, 9. Mai
In unmittelbarer Nachbarschaft zum Hochrisiko-Landkreis Tirschenreuth befindet sich der Landkreis Neustadt/Waldnaab, in dem geografisch die kreisfreie Stadt Weiden gelegen ist. Und dort ahndet man Verstöße gegen Corona-Auflagen besonders rigoros, weshalb ich meinen überfälligen Familienbesuch dorthin vorsichtshalber auf heute verschoben habe. Triftigkeitskontrollen sind jetzt nach Inkrafttreten der Lockerungen ebenso wenig zu erwarten wie überraschende Bußgeldbescheide aufgrund unklarer Rechtslagen. Meine Befürchtung, dass nun deshalb die Züge übervoll sind, bewahrheitet sich zum Glück nicht. (Erstaunlich, wo doch auf dieser Strecke der Fahrplan massiv ausgedünnt wurde. Die Länderbahn, die die Strecke zwischen München und Hof mit Alex bzw. Oberpfalzbahn bedient, hat von 29 Verbindungen sage und schreibe 20 ersatzlos gestrichen.) Nach neuer Regelung wären ja nun unter Einhaltung der geforderten Schutzmaßnahmen auch kleine Vergnügungsreisen zu Verwandten und Freunden möglich. Das wird vom Publikum offenbar (noch) nicht angenommen. Zumindest nicht auf dieser Strecke. Was aber auch nicht verwunderlich ist. Zum einen hat sich die Reisedauer aufgrund des Notfahrplans teilweise erheblich verlängert und zum anderen ist es halt auch kein großes Vergnügen, eine mehrstündige Zugfahrt unter einer Maske zu verbringen.
Hqd

 

Mittwoch, 6. Mai
Die Bundesländer geben eigene Lockerungsfahrpläne heraus und überfahren damit Frau Merkel. Das ist zumindest meine Interpretation des Geschehens. Es wird damit deutlich unübersichtlicher. Räumlich und zeitlich jeweils ein eigener Regelungsstand. Ich bin verwirrt und nicht unbedingt motiviert herauszu­finden, was jetzt eigentlich ab wann geht. Die Betroffenheit von den Lockerungen ist als kinderloses Paar ohnehin gering. Mit dem Ansatz ‚weitermachen wie bisher’ kann man vermutlich nichts falsch machen, auch wenn man damit in der Minderheit scheint. Bei schönem Wetter, dem aber nach wie vor noch eine Grundkühle unterlegt ist, bewegen sich die meisten so als gäbe es keinen Corona. Das Vermummungsgebot in Innenräumen scheint zwar allgemein akzeptiert, aber im Freien bewegen sich die Leute wie in alten Zeiten.
ma

 

Dienstag, 5. Mai
Auf der heutigen Pressekonferenz der Staatsregierung wurde das Ende der bayrischen Ausgangsbeschränkung bekannt gegeben. Ab morgen gilt nun auch hier eine großzügiger gehaltene Kontaktbeschränkung. Das bedeutet in der Praxis mehr Bewegungsfreiheit, die den sozialen Umgang wesentlich erleichtern dürfte. Ein erstes kleines Licht am Ende des Tunnels.
Hqd

Der bayerische Ministerpräsident macht eine scheinbare Kehrtwende und stellt Lockerungen in Aussicht. Erste schon ab Morgen. Ich bin verwirrt ob der Details. Spielplätze sollen öffnen, Besuche der Familie in gerade Linie sollen wieder möglich sein und eine Kontaktperson bzw. Kontakthaushalt ist drin. Besuche im Pflegeheimen wohl ab dem kommenden Muttertagswochenende. Die Einrichtung, in der die Schwiegermutter untergebracht ist, versucht bereits planlos Termine zu koordinieren für sogenannte Fensterbesuche und Einzelbesuche zu definierten Timeslots in der Cafeteria. Das Ganze läuft aber ohne Beachtung von Basisprinzipien von Organisation. Drei Anrufe, von drei verschiedenen Personen, die, wie man so schön sagt, alle von einem anderen Sachstand berichten. Kurz: niemand hat einen Plan. Ich auch noch nicht. Auf die Schnelle ist im Internet nicht zu ermitteln, was jetzt eigentlich genau ab wann beschlossen ist.
ma

 

Montag, 4. Mai
Je länger die Corona-Krise fortschreitet, umso heftiger bricht ein täglicher Sturzbach an Informationen über uns herein. Was eine gesellschaftliche Gewichtung nicht gerade erleichtert. Geisterspiele in der Bundesliga, Forderung von staatlichen Hilfen für die Automobilindustrie, Antikörper-Tests. Gottesdienste, Urlaubsöffnungen in Meck-Pomm, neue Regeln hier, neue Regeln da. Der Weg zurück zur ‚Normalität’ findet in einem kakophonen Stimmengewirr statt und in meinem persönlichen Umfeld höre ich inzwischen häufiger von strikter Nachrichtenverweigerung, um nicht komplett kirre zu werden. Und vielleicht ist eine temporäre Corona-Abstinenz auch durchaus nützlich, um in dieser Stille auch wieder einmal den lautlosen Rufen derjenigen nach zu spüren, die durch die Krise ihre Stimme komplett verloren haben. Zum Beispiel Kinder, die Opfer häuslicher Gewalt werden. Zu Beginn der Ausgangsbeschränkungen gab es vereinzelt Warnungen vor einer Zunahme häuslicher Gewalt, wobei da die Gewalt gegen Kinder in der Regel noch geknüpft war an die Gewalt gegen Frauen. Das hat sich in den letzten Meldungen etwas entkoppelt, weil unter den Leuten, die mit diesem traurigen Thema beruflich befasst sind, hinlänglich bekannt ist, dass Gewalt gegen Kinder durchaus auch von weiblichen Bezugspersonen ausgehen kann. Kinder haben in der Krise nur wenig bis gar keine Kommunikationsmöglichkeiten mit der Außenwelt. Im Falle von gewalttätigen Übergriffen, seien sie physisch oder psychisch, besteht ihr einziger Schutz aber in deren sozialer Kontrolle, die es in Corona-Zeiten nicht mehr gibt. Kitas und Schulen sind für den Großteil der Kinder geschlossen. Jugendämter arbeiten nur eingeschränkt. Telefonische Betreuung, von wem auch immer, funktioniert bei Kindern in der Regel eher nicht. Eine erwachsene Frau, die als Kind Opfer häuslicher Gewalt geworden ist, äußerte sich hierzu im bayer. Rundfunk wie folgt: 'Wenn ich daran denke, ich hätte als Kind zu Hause gestanden und ich krieg den Telefonhörer von Mutter oder Vater und da steht jemand neben mir. Da bin ich mir sicher, man hätte am anderen Ende der Leitung immer geglaubt, es ist alles in Ordnung.' Falls, wie prognostiziert, ein Normalbetrieb in Kitas und Schulen noch geraume Zeit auf sich warten lässt, muss man sich seitens der Politik Gedanken machen, wie man diese Notsituation anderweitig entschärfen kann. Durch geänderte Umgangsregelungen im familiären Bereich etwa. Es lässt sich z.B. nicht so ohne weiteres nachvollziehen, warum sich lt. bayerischer Allgemeinverfügung Lebenspartner*innen, wie auch immer definiert, problemlos besuchen können, ohne dass dabei auf potentielle Infektionswege oder gefährliche Krankheitsbilder geachtet werden muss. Pumperlgsunden Großeltern hingegen, die womöglich bisher für eine Entlastung in den Haushalten ihrer Kinder gesorgt haben, wird der Umgang mit den Enkeln verwehrt, auch wenn da die Infektionsgefahr wesentlich geringer ist. Mit plumper Altersapartheid wird man dieser Problemlage nicht Herr werden. Stattdessen braucht es lebensnahe und flexible Strategien. Und zwar schnell.
Hqd

Wenn man in der alten Zeit vor Corona ein Gefühl dafür bekommen wollte, was in der Stadt so los ist, hat man versucht, in einer Kneipe oder einem Geldautomatenraum der Sparkasse eine ‚in München’ aufzutreiben. Da stand vermeintlich alles drin – zumindest aus der Sicht von jemandem, der noch vor dem Internet seine Nachtlebensozialisation genossen hat und sich später keine Mühe gegeben hat, in irgendwelche elektronischen Kommunikationsstrukturen zu dem Thema einzusteigen. Den dramatischen Meltdown des Kulturlebens, der die ohnehin schon immer mehr oder weniger prekär lebenden Träger dieser Aktivitäten hart getroffen hat, müsste sich inzwischen massiv in diesem Umsonst-Stadtmagazin spiegeln. Dem ist aber nicht so, weil die Printausgabe aktuell ausgesetzt ist, wie man der inzwischen recht dünn gestalteten Internetpräsenz des Magazins entnehmen kann. Kein Nachtleben – keine Anzeigen – keine Printausgabe kann man da im Artikel ‚in eigener Sache’ lesen. Nur ein kleiner Indikator für das, was kommen wird. Die protestantische Sehnsucht nach einer Welt ohne Kneipen rückt näher.
ma

 

Freitag, 1. Mai 2020
Tag der Arbeit – Feiertag und ehemaliger Kampftag der Arbeiterklasse. Geblieben waren die Umzüge, die Kundgebungen und die Demonstrationen, die die Stärke einer verblichenen Klasse und ihrer Orga­nisation zeigen sollten. Dieses Jahr findet das Ganze angeblich Online statt – von ein paar abstands­wahrenden Vertretern in der realen Welt abgesehen. Geht das überhaupt? Eine Kundgebung Online?
ma

 

Donnerstag, 30. April 2020
Ankündigung von Kurzarbeit ab kommenden Montag. Auch wenn das nur eine Reduktion der Arbeit auf 70% bedeutet, ist es als Phänomen an sich im Mai schon fast mehrheitsfähig. Angeblich haben ein drittel aller Betriebe in der Bundesrepublik Kurzarbeit angemeldet.
ma


 

Mittwoch, 29. April 2020
Der unter ökonomischem Druck lauter werdende Ruf nach Normalisierung der Verhältnisse rückt endlich den Fokus auf die Bevölkerungsgruppen, die bei deren Umsetzung eine Schlüsselrolle spielen: nämlich die Kinder und Jugendlichen (gemeint ist die Altersgruppe von 0-18 Jahren) und die Menschen, die mit ihnen befasst sind (v.a. Eltern, Großeltern, Lehrer und Betreuer). Aber kaum, dass das Thema Kinder und Corona in der Öffentlichkeit breitere Aufmerksamkeit erfährt, kommen auch schon wieder die ersten Meldungen über Reaktionen, die nicht minder erschreckend sind, als es die Forderung nach pauschaler Isolation von Alten und Kranken ist. In Miesbach wurde ein alleinerziehender Papa mit seinem vierjährigen Kind am Betreten einer Postfiliale gehindert. Ähnliches wird auch schon aus Hamburg berichtet. Das offenbart eine latent vorhandene Geisteshaltung in unserer Gesellschaft, die auf komplexe Problemlagen dieser Art reflexiv mit dem rassistischen Muster der Ausgrenzung reagiert, dem nicht nur rigoros entgegen zu treten ist, sondern das natürlich auch in seiner Wirkung ins Leere läuft. (Siehe die Ausgrenzung der Alten und Kranken, die man angeblich schützt, indem man sie einfach isoliert. Und trotzdem sterben in den Alten- und Pflegeheimen zuhauf infizierte Menschen mangels rechtlich zwingender Schutzmaßnahmen, auf die man dank Isolation noch immer glaubt, verzichten zu können.) Einer Normalisierung der Verhältnisse wird man aber mit populistischen Maßnahmen nicht näher kommen. Dazu bedarf es einer differenzierten Herangehensweise, die den vielschichtigen Problemen gerecht wird, die einer Normalisierung im Wege stehen. Kinder und Jugendliche als Infekt-Multiplikatoren, die bei einer Infektion selbst nur milde betroffen sind oder ganz symptomfrei bleiben, lassen sich nicht einfach dauerhaft wegsperren und ausgrenzen. Schon gar nicht in einer heillos überalterten Gesellschaft wie der unseren. Das scheint im politischen Diskurs angekommen zu sein. Knackpunkte sind zum einen die berufstätigen Eltern und zum anderen Kitas, Kindergärten und Schulen, die allmählich wieder dringend ihren jeweiligen Aufgaben nachkommen müssen. Über das Wie und Wann wird inzwischen ziemlich laut nachgedacht. Der bayer. Elternverband spricht sich gegen die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts im laufenden Schuljahr aus. Der BLLV befürchtet, dass die ‚Einschulung im September fast unmöglich’ ist. Der bayerische Kultusminister Piazolo hingegen versicherte auf der gestrigen Pressekonferenz, dass die Einschulung im September planmäßig über die Bühne gehen wird und zudem für alle Schüler auch dieses Schuljahr noch ein Präsenzunterricht stattfinden soll. An der Logistik für all das werde mit Nachdruck gearbeitet. Ohne eine funktionierende Lösung dieses zentralen Problemkomplexes ist an eine Normalisierung auch in anderen Lebensbereichen nicht zu denken.
Hqd

 

Montag, 27. April 2020
Homeschooling birgt in erster Linie die große Gefahr einer Benachteiligung für Kinder aus bildungsfernen Schichten resp. für Kinder ohne Zugang zu dem dafür nötigen Equipment. Es kann sich aber auch als eine technische Herausforderung für Teile des Lehrkörpers entpuppen. Video-Konferenzen sind für ungeübtes Personal durchaus tückisch und voller Fallstricke. Der Blick in das unaufgeräumte Arbeitszimmer und ähnliche Inkompetenzen der Lehrkraft in der Handhabung solch eines digitalen Forums kann leicht ein negatives Licht auf deren didaktische und fachliche Kompetenz werfen. Und Zweifel daran seitens der Schülerschaft sind für Betroffene kein Honiglecken. Blank liegende Nerven dürften daher dieser Tage im (fast) ausschließlich digitalen Schulbetrieb keine Seltenheit sein.
Seit heute darf man sich nun auch in Bogota eine Stunde täglich zwischen 6 und 10 Uhr morgens sportlich im Freien bewegen. Dort ist man offenbar auch zu der Einsicht gelangt, dass Bewegung an der frischen Luft der Allgemeingesundheit dienlich ist. Und die Luft soll dank der Ausgangsregeln tatsächlich so frisch und sauber sein wie nie zuvor. Bemerkenswert in einer Stadt, in dessen Straßenbild schon vor Corona Menschen mit Atemschutzmasken nichts Außergewöhnliches waren.
Hqd

Ein Gurkenwurf im Supermarkt schafft es in die Kurznachrichten. Zwar nicht Tagesschau, aber die üblichen Free-E-Mail-Dienste und lokale Nachrichtenseite. Der Wurf – so kann man der Notiz entnehmen – speiste sich aus Entrüstung gegen die Abstandsregeln und galt der Kassiererin, zerstörte aber stattdessen eine Lampe und wurde erfolgreich polizeilich verfolgt. Wenn das repräsentativ für die Eskalationslage ist, muss man sich keine Sorgen um den Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung machen.
ma

 

Sonntag, 26. April 2020
Am Vorabend des Maskengebots fürs Einkaufen sind wir vorbereitet. Auf der Kommode finden sich fein säuberlich aufgereiht kleine Papiertüten, die an Pausenbrotverpackungen in den 70er-Jahren er­innern. In jeder findet sich eine desinfizierte Maske für den Einsatz bei den täglichen Besorgungen. Wir sind gerüstet.
ma

 

Freitag, 24. April 2020
Auf der Litfaßsäule am Arbeitsweg findet sich eine Kinderzeichnung ‚Nikoh malt das Coronavirus’. Der Rest der Republik sucht gerade Munition für die jeweilige Position im Konflikt um Geschwindigkeit und Ausmaß der sogenannten Öffnung bzw. Lockerungen des Shutdowns. Ab Montag gilt in Bayern Maskenpflicht in Geschäften, von denen es dann aber auch wieder mehr offene gibt.
ma

 

Mittwoch, 22. April 2020
Unter dem Titel Wenn Heime zur Falle für alte und behinderte Menschen werden lese ich auf der Seite des Bayerischen Rundfunks einen Bericht über Pflegeheime und bin einigermaßen irritiert, als ich darin erfahre, dass es bis dato für Mitarbeiter in diesen Heimen keine Maskenpflicht gibt. Mitarbeiter*innen eines großen fränkischen Trägers von Behinderten- und Altenheimen haben sich anonym an den BR gewandt, weil sie lange Zeit völlig ungenügend ausgestattet waren mit den notwendigen Schutzaus-rüstungen. Und es vermutlich noch heute sind. Der Heimbetreiber hingegen sieht diesbezüglich bislang keine Engpässe. Dem widersprechen die betroffenen Beschäftigten und sehen mit Sorge auf eine Reihe von Covid-19 Erkrankungen und Todesfällen in den Heimen des Betreibers. In dem Artikel erfährt man weiter, dass das bayerische Gesundheitsministerium seit Anfang April einen präventiven Mund-Nasen-Schutz für Beschäftigte in Behinderten-, Alten- und Pflegeheimen empfiehlt. Eine Verpflichtung gibt es hierzu allerdings nicht. Stattdessen gibt es sog. Priorisierungsempfehlungen hinsichtlich Schutzausrüstungen bei Ressourcen-Mangel. In diesem Artikel findet sich auch ein Link zu einem investigativen NDR-Bericht, aus dem hervor geht, dass lt. RKI ein Drittel aller Corona-Toten in Deutschland in Heimen gestorben ist. In erster Linie Bewohner, aber auch Beschäftigte, wobei es hier auch noch eine hohe Dunkelziffer zu geben scheint, weil sich knapp 1000 Todesfälle keiner bestimmten Masseneinrichtung (Gefängnisse, Asylunterkünfte, Pflegeheime etc.) zuordnen lassen. Kein Wunder also, dass die Beschäftigten in derartigen Heimen mittlerweile einen Pfifferling geben auf den Helden-Applaus, der ihnen wie Hohn in den Ohren klingen muss. Solidarität mit den Alten und den Schwachen und den Menschen, die sich um sie kümmern, sieht anders aus.
Hqd

 

Dienstag 21. April 2020
Ich übe schon fleißig das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in der Öffentlichkeit, um nächste Woche, wenn es ernst wird, einigermaßen gewappnet zu sein. Und es klappt eigentlich auch ganz gut, weil mir das Tragen der Schals, mit denen ich mich zu maskieren gedenke, ja vom Winter her noch bestens vertraut ist. Auf der Pilgersheimer Straße vor dem Supermarkt, in dem ich bevorzugt einkaufe, wird gerade von einer Polizeistreife ein kleiner Unfall mit Sachschaden protokolliert. Als ich, Schal vor dem Gesicht, daran vorbei gehe, registriere ich zwei alarmierte, auf mich gerichtete Augenpaare, die mich aus dem Streifenwagen noch einen Moment lang irritiert verfolgen. Alte Reflexe, die plötzlich nichts mehr taugen, weil das Vermummte das neue Gute ist. Üben ist da auch bei den Gesetzeshütern angesagt.
Hqd

Die Wiesn ist abgesagt. Die Bayern ziehen die Dinge ja gerne durch, insbesondere, wenn Bier und Freiluft beteiligt ist, doch diesmal scheint man ein Einsehen zu haben. Wird das ein Herbst ohne Dirndl und Lederhosen, dafür aber mit Maske?
ma


 

Montag 20. April 2020
Auch Bayern gönnt sich jetzt ab kommender Woche ein Anti-Vermummungsverbot in Läden und dem öffentlichen Nahverkehr. Wir basteln noch an unserer Maskenstrategie (gekaufte Einweg gegen Mehrweg-DIY).
ma

 

Sonntag 19. April 2020
Kurzer Spaziergang im Hinterland des Ammersees, ansonsten ist der Streamingdienst unser bester Freund.
ma

 

Samstag 18. April 2020
Die Maske ist in aller Munde. Noch keine Pflicht, aber doch ein dringliches Gebot. Macht ja auch Sinn angesichts der Übertragungswege des Virus. Ich wähle für mich die durchaus akzeptierte Variante mit einem Schal über Mund und Nase. Ich war schon als Kind im Fasching beim Cowboy- und Indianer-Spielen gerne der Bandit mit dem Tuch vorm Gesicht. Falls sich das Gebot der Stunde zu einer dauer-haften Mode mausert, wäre das neben dem Infektionsschutz auch eine begrüßenswerte Herausforderung an die Apologeten der technischen Gesichtserkennung.
Hqd

 

Freitag, 17. April 2020
Auf Spiegel-Online sind die neuesten Zahlen zur Pandemie unter dem Titel ‚Die Covid-19-Pandemie im Schnellüberblick’ aufgelistet wie der Medaillen-Spiegel bei den Olympischen Spielen. An erster Stelle stehen die USA. Wie auf makabre Art herbei gebetet von deren Präsidenten Trump durch sein Mantra, das da lautet: America first.
Ab Montag tritt eine neue bayerische Notverordnung inkraft, welche die bisher gültige vom 27. März ablöst und dem politischen Willen nach einer langsamen Lockerung der Einschränkungen besonders im wirtschaftlichen Bereich Rechnung trägt. Aber auch im privaten Bereich gibt es eine beachtenswerte Neuerung. So darf man sich ab Montag nicht mehr nur alleine oder mit Angehörigen des eigenen Hausstandes im Freien bewegen sondern auch mit einer Person, die nicht dem eigenen Haushalt an-gehört. Dadurch wird etwas mehr Rechtsklarheit geschaffen sowohl für getrennt wohnende Lebenspartner als auch für die Umgangsmöglichkeiten mit minderjährigen Kindern bei getrennten Eltern. Wir verschieben meinen Besuch dieses Wochenende und einigen uns auf kommende Woche, um mal wieder einen kleinen Ausflug in die wunderschönen Wälder der nördlichen Oberpfalz unternehmen zu können, ohne Gefahr zu laufen, dafür mit einem saftigen Bußgeld belegt zu werden. Und das geht der dortigen Polizei besonders leicht von der Hand, wo doch diese Region mittlerweile zum sogenannten ‚Hotspot’ der Nation geworden ist.
Hqd

Die Tonlage wird weniger grell, zumindest in Deutschland. Das Infektionsgeschehen ist unter Kontrolle heißt es, trotzdem noch nicht von jetzt auf gleich locker lassen, heißt es. Corona wird uns noch lange begleiten und eine neue Normalität ist zu erarbeiten. Die soll natürlich keine wirtschaftlichen Einschränkungen mit sich bringen. Vielleicht werden Großveranstaltungen mit Livepräsenz einst dem barbarischen 20. Jahrhundert zugeschrieben, dann in der Geschichtsschreibung dann bis 2020 läuft. Ansonsten läuft das Geschäft aber ab 2021 wieder. Nur heißer wird es.
Die rebellische Anwältin ist mental anscheinend inzwischen vollkommen abgeschmiert. Ihre Homepage ist unbehelligt erreichbar, aber offensichtlich nicht wirklich lesenswert. Die Einträge sind entweder eine Parodie auf die verschwörungstheoretische und hysterischen Aspekte der Netzkommunikation oder ein Teil davon. Einlassungen aus dieser Kampfklasse haben uns in der persönlichen Kommunikation zum Glück noch nicht erreicht.
ma

 

Donnerstag, 16. April 2020
Ich spüre, dass mir die Ausgangsbeschränkung allmählich körperlich zu schaffen macht. Daran ändert auch das bisschen Hanteltraining und der tägliche Gesundheitsspaziergang rüber an die Isar nix. Mir schlafen allmählich die Füße ein und deshalb entschließe ich mich, mein Fahrrad zu reaktivieren. Ich habe ein Jahresabo für den MVG und habe die letzten Jahre mein Fahrrad nur zur Freizeitgestaltung am Wochenende genutzt. Das letzte Mal, dass ich im Sattel gesessen bin, ist nun fast zwei Jahre her. Wir haben im Hinterhof einen großen, überdachten Fahrradständer und darin steht es unter vielen an­deren und staubt ein. Der südliche Mittlere Ring ist Luftlinie schätzungsweise hundert Meter entfernt und auch bei wöchentlicher Nutzung musste ich es vor Gebrauch immer erst ordentlich reinigen vom Feinstaub-Fallout, bevor ich damit losfahren konnte, ohne mir die Hose zu versauen. Jetzt ist es in eine derart dicke Staubschicht eingewoben, dass von der ursprünglichen Farbe nix mehr zu sehen ist. Mit einer Schüssel Wasser und einem großen Putzlappen mache ich mich an die Arbeit, bis das Silber des Schutzblechs und das Rot des Rahmens in alter Frische in der Sonne leuchtet. Die Reifen ordent­lich aufgepumpt, ein bisschen Öl auf die Kette und die Bremsen getestet, geht es los in der Hoffnung, dass ich mich noch einigermaßen auf einem Fahrrad bewegen kann. Schon nach den ersten Metern spüre ich, wie es in meiner Beinmuskulatur zu arbeiten beginnt, und aus der kleinen Testfahrt rund um den Block wird eine längere Fahrt entlang der Isar. Ich bin richtig euphorisiert über diese kleine Freiheit in der großen Einschränkung und werde das in Zukunft zu einem Teil meiner täglichen Rou­tine machen. Getting physical again.
Hqd

Die nahe Zukunft wurde heute beschlossen. Es geht noch ein wenig weiter mit dem aktuellen Shut­down, doch erste Änderungen sind für kommende Woche in Aussicht gestellt. ‚Lockerungen’ ist die Vokabel des Tages. Langsames Anstarten von Schulen mit neuen Hygienevorschriften und Öffnung der kleinen Läden um die Ecke, wenn sie Abstandsregeln gewährleisten können. Bayern macht es wie so oft ein wenig anders. Da geht es mit der Schule erst später los.
ma

Dienstag, 14. April 2020
Bis Impfstoff bzw. Medikamente zur Verfügung stehen, bedarf es zur Bewältigung der Corona-Krise aus medizintechnischer Sicht, so der Tenor in der Berichterstattung, vor allem einer ausreichenden Ausstattung des Gesundheitssystems mit Intensiv-Kapazitäten und Beatmungsgeräten. Zumindest ist das bei mir aus der ganzen Informationsflut, die einem da hinsichtlich Corona seit geraumer Zeit um die Ohren rauscht, so hängen geblieben. Jetzt weiß man als medizinischer Laie erst einmal wenig über Intensivtherapien und noch weniger über Beatmungsgeräte. Wir haben eine Ärztin in der Familie und ich habe bei ihr in unserem Ostertelefonat einmal nachgefragt, was unter so einer Intensivtherapie eigentlich zu verstehen ist. Und bekam zur Antwort, dass es sich hierbei um eine Intubation handelt, die für den Patienten sehr heftig und zudem ziemlich riskant ist, weil sie oft mit schweren, bleibenden Schäden verbunden ist. Zu diesem Thema bin ich dann auf der Seite des Deutschlandfunks auf ein Interview mit dem Palliativmediziner Matthias Thöns gestoßen, in dem dieser eine ‚sehr einseitige Ausrichtung auf die Intensivbehandlung’ bei Corona Patienten beklagt und für eine bessere Aufklärung plädiert, weil eine Intensivtherapie sehr leidvoll wäre und das Verhältnis zwischen Nutzen und Schaden kaum stimme. Er führt in dem Interview u.a. aus, dass ein Großteil der coronabedingten Intensivbehandlungen bei zumeist alten Menschen mit schweren Vorerkrankungen vorgenommen wird, die bereits palliativmedizinisch behandelt wurden und die dann bei Corona-Diagnose einfach zu Intensivpatienten gemacht und einer (hochpreisigen) Intensivbehandlung unterzogen werden. Auch er spricht von zum Teil schwersten Behinderungen nach einer Beatmungstherapie. Und das sind Zustände, die lehnen die meisten älteren Menschen für sich ab, sagt Thöns. Ich sehe ,’das sind sehr falsche Prioritäten und es werden ja auch alle ethischen Prinzipien verletzt, die wir so kennen.’
In einer Informationssendung heute Vormittag auf Bayern2 höre ich dann ein Gespräch mit zwei Medizinern, die exakt zu diesem Thema zu ganz ähnlichen Einschätzungen kommen, insbesondere was den Mangel an Aufklärung betrifft hinsichtlich der palliativmedizinischen Versorgung in Deutschland, wo niemand mehr befürchten müsse, einen grausamen Erstickungstod zu sterben.
Mir kommt dabei etwas sehr Privates in den Sinn. Bei meinem Vater wurden Auffälligkeiten an der Lunge festgestellt. Er hatte damals seinen 85ten bereits ein gutes Stück hinter sich. Im Klinikum, in das ihn sein Hausarzt überwiesen hat, wurde Lungenkrebs im Frühstadium diagnostiziert, der mit einer Chemo-Therapie noch leicht in den Griff zu kriegen wäre. Das lehnte mein Vater mit Hinweis auf sein Alter ab. Aber man blieb seitens des Klinikums, gelinde gesagt, ziemlich offensiv am Ball, weil es hier ja schließlich um Leben und Tod ginge. Mein Vater war trotz hohen Alters im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und blieb resolut bei seiner Ablehnung, so dass man ihn letztendlich ohne (hochpreisige) Chemo-Therapie entlassen musste. Er erlebte hernach bis zu seinem 89ten noch eine geruhsame, (zumindest lungentechnisch) beschwerdefreie Zeit, genoss noch viele Nachmittage bei Kaffee und Kuchen auf der Veranda und den Gesang der Vögel in seinem Garten. Eines Morgens, meine Mutter hatte bereits zum Frühstück gedeckt, schaute sie nach ihm, weil er noch nicht aus den Federn war und fand ihn verstorben in ihrem Ehebett. Sie sagt, er habe ein Lächeln auf dem Gesicht gehabt.
Hqd

 

Montag, 13. April 2020
Das Nachbarskind läuft tobend durch den Garten und herrscht seine Eltern an: ‚Wenn ich groß bin verbiete ich euch auch mal alles!’
PN

Im Netz findet sich ein Artikel über eine Heidelberger Anwältin, die sich auf ihrer Homepage kritisch aber mit leicht hysterischem Unterton mit den Corona-Maßnahmen von Bund und Ländern ausein­andersetzt und zu Demonstrationen an Ostern aufruft. Das kostet sie für einen Tag ihre Webpräsenz. Unabhängig davon, wie man zu ihren Einlassungen steht, lässt das nichts Gutes hoffen für eine zu­künftige Auseinandersetzungskultur und einen Umgang mit denen, die die aktuellen Maßnahmen kri­tisch sehen. Hier kommen Notstandsphilosophien zum Tragen und natürlich auch eine Krise der Kern­aspekte des Liberalismus. Pandemische Effekte unterlaufen eine Grundannahme dieser individualis­ti­schen Philosophie, nämlich das erst einmal jeder für seine persönliche Lebensgestaltung verantwort­lich ist und Drittwirkungen in erster Annäherung vernachlässigt werden können. Pustekuchen. Gibt es ein Recht auf einen Ausflug mit Fieber und Husten ins Pflegeheim? Und wo ist die legitime Grenze jen­seits derer die Diskussion verweigert und Einschränkungen mit Gewalt durchgesetzt werden dürfen?
ma

 

Samstag, 11. April 2020
Ein österliches Ausflugsverbot für das südliche Ostallgäu wurde zurück genommen, nachdem der Kommunalrechtler Max-Emanuel Geis die Rechtmäßigkeit dieser Maßnahme angezweifelt und dem zu-ständigen Landratsamt die Kompetenz für so eine Verordnung abgesprochen hatte, weil diese mit der Allgemeinverfügung des Gesundheitsministeriums kollidiere, nach der Bewegung im Freien prinzipiell erlaubt ist, egal wo diese stattfindet. Das bayer. Innenministerium hat dem Rechnung getragen und die Polizei angewiesen, diesbezüglich keine Kontrollen durchzuführen. Soweit so gut. Das südliche Ostallgäu ist ein Touristen-Hotspot und schafft es deshalb problemlos in die öffentliche Aufmerksamkeit. Viele andere ähnlich diffus gelagerten Sachverhalte tun das aber nicht und sorgen so für eine gehörige Rechtsunsicherheit, die u.a. auch von sich zum Teil erheblich widersprechenden Verordnungen herrührt. Ein Beispiel unter vielen anderen im bayerischen Corona-Management ist der Besuch beim Lebenspartner, der in der gültigen Allgemeinverfügung ausdrücklich gestattet wird. Ebendort liest man dann ein Paar Zeilen später, dass Sport und Bewegung an der frischen Luft, allerdings ausschließlich alleine oder mit Angehörigen des eigenen Hausstandes und ohne jede sonstige Gruppenbildung stattfinden darf. Schaut man nun auf die Seite des bayer. Innenministeriums, so findet man dort unter den FAQs zum Thema Besuch beim Lebenspartner folgenden Eintrag: Ja, das ist erlaubt. Auch ein gemeinsamer Spaziergang mit dem Lebenspartner ist möglich. Um die Verwirrung komplett zu machen, ergänzt Gesundheitsministerin Huml dann mündlich irgendwo auf einer Pressekonferenz, dass mit Lebenspartner nicht die Rechtsform gemeint ist, sondern der Partner oder die Partnerin, mit der man halt gerade irgendwie zusammen ist. So ist es nur folgerichtig, dass lt. Innenministerium diese Regelung auch für die ‚Lebenspartnerschaft’ von Minderjährigen gilt, die beide noch bei ihren Eltern leben. Das heißt im Grunde, dass das Gesundheitsministerium in ihrer rechtsverbindlichen Allgemeinverfügung mit einer leeren Begriffshülse operiert, in die man mit etwas Fantasie letztendlich rein packen könnte, was man will. Aber Vorsicht, die Sache hat einen praktischen Haken. Wenn nämlich die Kontrolleure von der Polizei eine ‚Lebenspartnerschaft’ nicht als solche akzeptieren, dann steht es ihnen frei, den Beteiligten, ihrer persönlichen Einschätzung entsprechend, ein saftiges Bußgeld aufzubrummen. Und Rechtsmittel gegen Bußgeldbescheide mit Coronabezug haben nach Ansicht von Bürgerrechtlern im Moment wenig Chancen vor Gericht. So meint etwa der Hausjurist der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF), Bijan Moini: ‚Eine ganz andere Frage ist natürlich, ob auch im Ergebnis Rechtsschutz gewährt wird. Da sieht es eher mau aus.’ Bisher seien die Richter sehr zurückhaltend, wenn es darum gehe, behördlichen Einschätzungen entgegenzutreten. ‚Manche Gerichte sind augenscheinlich etwas überfordert von der Verantwortung, die ihnen aufgebürdet wird.’ Bei dieser mit heißer Nadel gestrickten Sprach- und Kompetenzverwirrung ist das auch kein großes Wunder. Auf lange Sicht aber könnte eine solche Praxis die Rechtsstaatlichkeit erheblich aushöhlen und sich durchaus zu einem Legitimationsproblem auswachsen.
Hqd

In der Türkei hat man sich recht kurzfristig zu einer kompletten Ausgangssperre inklusive Schließung der Geschäfte entschlossen. Die Ankündigung ohne Vorlauf hat zu Aufläufen in Lebensmittelläden geführt. In der Berichterstattung dominiert eine Mischung aus Sensationsheischerei und Häme (vermutlich für die misslungene Maßnahme einer Erdogan-Administration). Für die Betroffenen ist das wohl weniger interessant, als mehr übel und belastend.
ma

 

Karfreitag, 10. April 2020
Wir nehmen unseren Spaziergang in den sanften Hügeln hinter der selbstverständlich geschlossenen Schatzbergalm am Dießener Hochufer des Ammersees. Auf den an sich nicht besonders bekannten Pfaden tummeln sich bei bestem Wetter fast mehr Menschen als an einem ‚normalen’ Frühlingstag. Auf dem Rückweg werden wir auf eine Abkürzung zum Auto gezwungen. Ein paar Meter den Güterweg hinunter nähert sich der lautstarke Beziehungsstreit eines Pärchens einem vorläufigen Höhepunkt. Wir wollen unsere Standpunktslosigkeit der letzten Tage nicht aufgeben und fliehen unauffällig. Der Rückweg über die Landstraße des Westufers beschert und dann aber doch noch eine Polizeikontrolle – unsere erste im 21. Jahrhundert. Es sei nur eine normale Verkehrskontrolle, aber angesichts des Münchener Kennzeichens und der Coronalage sei doch die Frage nach dem Woher und Wohin erlaubt. Der Rückweg vom Tagesspaziergang ist dann doch ok und wir können unseren Weg fortsetzen.
Im Pflegeheim der Schwiegermutter wird die Isolierung indes auf die einzelnen Bewohner heruntergebrochen. Die Zimmer sind tunlichst nicht zu verlassen. Ein Coronafall in einem anderen Wohnbereich hält die Einrichtung in Atem und uns mit einem unguten Gefühl zurück.
ma

 

Mittwoch, 8. April 2020
Bei meiner morgendlichen Nachrichten-Lektüre zum Kaffee lese ich auf der ARD-Seite, dass (lt. Redaktions-Netzwerk Deutschland) Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn bzgl. der wieder eingeführten Kontrollen an den Grenzen zu Frankreich und Luxemburg einen dringlichen Appell an die Bundesregierung gerichtet hat: ‚Die Grenzkontrollen machen mir große Sorgen. Wir müssen höllisch aufpassen. Wenn der Schengen-Raum fällt, dann fällt auch das Europa der Bürger. Schengen ist die größte Errungenschaft der EU.’
Später am Morgen mache ich dann weiter mit meinem täglichen Corona-Frühjahrsputz, der sich als sehr nützlich erweist zur Strukturierung meines Alltags. Gestern waren die Fenster dran samt Jalousien. Heute werde ich im Waschsalon die Vorhänge waschen. Als nächstes habe ich das Ausmisten meines Kellers auf der Agenda und dann werde ich mit dem Rest Wandweiß, den ich noch habe, meine kleine Küche streichen. So ein Frühjahrsputz ist vom Psychologischen her eine interessante Angelegenheit. Es ist wie ein Aufbruch in eine neue Zeit und hat etwas zutiefst Befriedigendes, wenn man seine Wohnumgebung mit der ersten Frühlingssonne von den Schlacken winterlicher Bedrücktheit befreit, weil man es wieder leicht und hübsch haben will. Allerdings sollte man in diesen Tagen mit Tätigkeiten dieser Art besondere Vorsicht walten lassen, weil sie schnell und unerwartet ziemlich teuer werden können. So lese ich auf Onetz, dem Online-Auftritt der Weidener Tageszeitung ‚Der Neue Tag’, unter der Rubrik Leserfragen zu Corona (Teil 18/08.04.2020) folgende Frage samt Antwort:
Meine Nachbarin musste 150 Euro Strafe zahlen, weil Sie den Gehweg vor ihrem Haus gekehrt hat. Ist das wohl nicht erlaubt?
Aktuell sollte man sich immer die Frage stellen, ob die Tätigkeit außerhalb der Wohnung, nicht auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden kann. Den Gehweg von Dreck zu befreien, ist eine Tätigkeit, die verschoben werden kann und nicht zwingend notwendig ist. Die Räum- und Streupflicht bleibt aber weiterhin bestehen.
Hqd

Ich nehme mir vor, die Gesichtsmaske täglich zu waschen und in ein paar Jahren einem Museum als Zeitdokument zu spenden. Das Heimatmuseum Wasserburg kommt mir da in den Sinn.
In meinem Kopf skandiert Jemand: ‚Hosengummis! Hosengummis!’
PN

Das strahlende Wetter setzt sich fort. In Verbindung mit dem Zwangsurlaub läd das zum Spazierengehen ein – eine der Tätigkeiten, die explizit als dringlich eingestuft sind, vermutlich weil es sowohl als körperertüchtigend als auch als psychisch beruhigend gilt. Sonnenbaden, zum Beispiel ist nicht so dringlich und wird theoretisch geahndet, wenn es nicht auf dem eigenen Balkon stattfindet.
Die Krise zeigt die Aporie jeder Rechtssetzung – auch ohne Notstand. Keine Regel ohne den Einzelfall, der sie ad absurdum führt.
ma

 

Dienstag, 7. April 2020
In den Nachrichten wird von einem Mann aus Bamberg berichtet, der wiederholt Fremde zu sich ein-geladen habe. Auch berichtet man von einem Mann aus München, der erst beim Picknicken von der Polizei ermahnt worden und später bei einem Sonnenbade aufgegriffen worden sei. Er hätte sich ebenso uneinsichtig gezeigt wie der Mann aus Bamberg. Beide seien in Arrest gekommen.
Warum kommt das als wichtige Meldung in den Nachrichten?
Abschreckung?
Im Heimatmuseum Wasserburg am Inn steht ein schönes Exemplar eines Prangers. Ich stelle mir den Mann aus Bamberg, der erneut Freunde zu sich eingeladen hat vor, wie er am Grünen Markt in der Regnitzstadt an besagtem Pranger steht, und von Schaulustigen, die alle die vorgeschriebenen zwei-einhalb Meter Sicherheitsabstand zueinander halten, zum Gespött gemacht wird.
Unschöner hingegen ergeht es dem Münchner Sünder. Auf dem Odeonsplatz wird er an eine Schand¬geige gekettet. Auch er wird von der aufgebrachten Volksmenge verspottet. Jemand hat das Gerücht in die Welt gesetzt, der Sünder sei schuld an den Versorgungsengpässen. Der wilde Mob skandiert: ‚Hosengummi! Hosengummi! Hefe! Hefe! Litzen! Litzen!’
Vielleicht tritt sogar die vielzitierte Jugendclique auf, um den uneinsichtigen Mann aus München anzu-husten, ‚Corona, Corona!’ zu rufen, und schnell wegzurennen.
Auf inständiges Bitten des Bamberger Erzbischofs werden die beiden Schurken schließlich nach dreitä-giger Zurschaustellung von Ministerpräsident Markus Söder begnadigt.
Finstere Zeiten.
PN

Die Fallzahlen steigen in den Zentren der westlichen Welt zwar weiter, es kündigt sich aber eine Abflachung der Steigerungsraten an – woher das auch immer kommt. Österreich und Dänemark haben erste Lockerung der Ausgehverbote in Aussicht gestellt. Damit ist der Wettbewerb eröffnet wer am besten aus den Startlöchern kommt ohne sein Gesundheitssystem und seine Senioren zu ruinieren.
ma

 

Montag, 6. April 2020
Ich sehe in der ARD einen Bericht über sonntägliche Fahrrad-Ausflügler aus Hamburg, die gestern an der Grenze zu Schleswig-Holstein zurück gewiesen wurden, weil dort die Einreise für Auswärtige ohne triftigen Grund nicht mehr erlaubt ist. Auch Mecklenburg-Vorpommern hat seine Grenzen dicht gemacht. Dank des Infektionsschutzes, der ja bekanntlich Ländersache ist, haben die zuständigen Minis-terpräsident*innen jetzt also Befugnisse wie anno domini die deutschen Duodez-Fürsten. (siehe auch: Daniel der 1. Günther von Kiel und Manuela die 1. Schwesig von Meck-Pomm) Und das vermutlich so-lange, bis sich dero Hoheiten entschließen, den pandemischen Notstand für ihre Fürstentümer wieder aufzuheben. Und wie wir hören, kann das durchaus dauern.
Der europäische Scherbenhaufen wird immer kleinteiliger.
Hqd

In der Tankstelle werden neben der Kasse Gesichtsmasken angeboten. Die Schachtel ist schon fast leer. Ich kaufe eine Gesichtsmaske für 2,50 Euro. Eigentlich ist das Centware. Vermutlich in liebevoller Heimarbeit aus einer Damenbinde selbstgenäht. Habe ich nicht vor eine paar Tagen ein Paket meiner Mutter aufgeben müssen, in dem sich Hosengummis befanden?
Eine Chorkollegin meiner Mutter näht nämlich auch diese Mundschutze und benötigte dringend Hosengummis. Aktuell ist Gummilitze, im Volksmund Hosengummi genannt, schon weitgehend ausverkauft bzw. völlig überteuert.
Ein Tiger in einem US-amerikanischen Zoo sei an Corona erkrankt. Vermutlich hat er sich von seinem Pfleger anstecken lassen, erzählt die Frau in der Tankstelle.
PN

 

Sonntag, 5. April 2020
Ich sehe heute zum ersten Mal, wie die Polizei eine Anzeige gegen zwei Männer wegen Verstoßes gegen die Ausgangsbeschränkung protokolliert. Der Himmel ist blau, es scheint die Sonne und es ist frühlingshaft warm. Ich will mir in der Eisdiele um die Ecke eine Kugel Eis kaufen. Die Leute warten auf der Straße in vorschriftsmäßigem Abstand, bis sie dran sind, um dann einzeln einzutreten. Ich gehe mit meinem Eis vor zum Hans-Mielich-Platz in der Hoffnung auf eine freie Bank, um dort in der Sonne mein Eis zu schlecken. Seit der Kinderspielplatz gegenüber geschlossen ist, toben sich die meist kleineren Kinder jetzt hier auf dem geräumigen Hans-Mielich-Platz aus, sausen mit ihren Tretrollern und Inline-Skatern dahin oder spielen Fußball mit dem Papa. Am Rand des Platzes steht ein Polizei-Bus, besetzt mit zwei Beamten, die dem Treiben zuschauen. Die Bänke rund um den Platz sind allesamt besetzt. Ich spaziere mit meinem Eis in der Sonne dahin und sehe, wie sich das Polizeiauto langsam in Bewegung setzt und Halt macht an einer Bank, auf der ein Mann und eine Frau mittleren Alters ebenfalls ihr Eis verköstigen. Kurzer Wortwechsel. Der Mann mit dem Eis blickt höchst verwundert. Wahrscheinlich wurden die Beiden gerade aufgefordert, nach Verzehr des Eises die Bank wieder zu räumen, weil zu langes Herumsitzen im Freien nicht erlaubt ist. Ein paar Bänke weiter sitzen zwei Männer in ziemlich abgetragener Kleidung zwischen kleinem Gepäck und unterhalten sich amüsiert bei Bier und Zigaretten. Nicht verwunderlich ist die Bank der Beiden der nächste Polizeistopp. Wortwechsel durch das geöffnete Autofenster. Die Biertrinker scheinen die Ansage des Polizisten nicht recht zu verstehen. Der Korpulentere der Beiden verlangt offenbar nach näherer Erklärung und unterstreicht das mit entsprechender Gestik. Sein Begleiter lacht. Ich meine, in seiner Stimme einen slawischen Akzent zu hören. Leicht alkoholbefeuert und für die Polizisten wohl eine Spur zu pampig, denn schon sind sie raus aus ihrem Fahrzeug zur Personenkontrolle. Während ein Polizist die Beiden im Auge behält, macht der andere auf einem Schreibblock Notizen. Ich denke mal, dass es sich hierbei um die Aufnahme einer Anzeige handelt. Und die kostet ja bekanntlich Minimum 150.- Euro pro Kopf und Nase.
Gleich um die Ecke, die Straße runter, befindet sich das Männerwohnheim an der Pilgersheimer Straße. Dort gibt es Zwei-Bett-Zimmer und ich frage mich, ob die Regelung, derzufolge sich die Mitglieder eines Hausstandes gemeinsam in der Öffentlichkeit bewegen dürfen, auch für die Bewohner eines dieser Zwei-Bett-Zimmer gilt.
Hqd

Die Fallzahlen steigen zwar weiter, noch gibt es aber keine klassischen Katastrophenbilder aus dem deutschen Gesundheitssystem. Draußen, auf den leeren Straßen, arbeitet ein sonniger Frühling an der Erzeugung von Heuschnupfenlagen. Unter diesen Umständen scheint die Diskussion um die Zukunft eröffnet. Wege aus dem Lockdown – so werden die Ausgangsbeschränkungen jetzt genannt – werden diskutiert und wie Herdenimmunität über einen verträglichen Zeitraum aufgebaut werden kann. Unklar scheint noch wie man die Senioren auf dem Weg zur unempfindlichen Herde am Sterben hindern will, denn – das wird recht unmissverständlich klar gemacht – das alles muss vor dem Impfstoff passieren, was anderes können wir nicht bezahlen.
ma

 

Donnerstag, 2. April 2020
Große Probleme bei den von der Staatsregierung zugesagten Hilfskrediten besonders für kleine und mittlere Unternehmen. Die Kreditvergabe wird von den Hausbanken abgewickelt, die an rechtliche Re-gularien gebunden sind und eine umfangreiche Risikoprüfung vornehmen müssen für die verbleiben¬den 10% der Kreditsumme, die staatlicherseits nicht abgesichert sind. Da es sich zumeist um dringen¬de Fälle handelt, kommt aus der Politik die Bitte an die Banken, auch mal eine Auge zuzudrücken. Klingt irgendwie nicht nach seriöser Wirtschaftspolitik.
Hqd


Die Ausgangsbeschränkung lässt das Gefühl entstehen, dass alles Leben jenseits des unmittelbaren Familienkreises nur noch medial vermittelt stattfindet. Vermutlich zeigt das verminderte Sozialleben hier nur eine Tatsache auf, die eigentlich grundsätzlich gilt. Im Nahbereich der persönlichen Kommunikation teilt man Probleme des Lebens und daneben vor allem auch Sichtweisen auf eine medial vermittelte Welt. Die spricht im Moment vor allem Corona.
ma

 

Mittwoch, 1. April 2020
Adidas will jetzt für seine Filialen doch die Mieten bezahlen. Dem Management ist klar geworden, dass der Imageschaden wesentlich größer ist als der Gewinn, den das temporär freiwerdende Geld auf irgendwelchen Kapitalmärkten erbringen könnte. Aber im Ernst. Es war doch alles sowieso nur ein Scherz, diese Inanspruchnahme der pandemisch bedingten Hilfsmaßnahme. A bisserl Spaß muss sein. Auch in trüben Zeiten. April! April!
Hqd

 

Montag, 30. März 2020
Pressekonferenz mit Vertretern der bayer. Staatsregierung (Söder, Aiwanger, Herrmann, Huml). Die Ausgangsbeschränkung wird bis zum Ende der Osterferien am 19.4.2020 verlängert. Es findet jedoch keine Verschärfung der Maßnahmen statt. Auffallend ist, dass in dieser PK heute nicht einmal das Wort ‚Risikogruppe’ gefallen ist. Es darf vermutet werden, dass der mantra-artige Gebrauch dieses Begriffs in den letzten Wochen inzwischen auch bei den Verantwortlichen in der Politik als ziemlich verwirrend und kontraproduktiv erkannt worden ist, weil es all den Menschen, die sich dieser Gruppe nicht zugehörig fühlen, ein falsches Sicherheitsgefühl vermittelt und infolge davon zu mehr Verstößen gegen die Beschränkungen und daraus resultierenden Polizeieinsätzen führt. Sprache in Zeiten der Krise.
Hqd


Es ist wieder kalt geworden. Auf einen frühlingshaften Samstag und einen verhangenen Sonntag folgt ein Tag mit einer dünnen Schneedecke und Temperaturen um die 0 Grad. Heute wird auch klar: die Ausnahme wird länger dauern. Die Ausgangsbeschränkung endet nicht am 4. April, sondern frühestens am 19. bzw. 20. April. Das deckt sich mit meiner Erwartung. Je länger der Ausnahmezustand dauert, desto besser sitzt das neue Kleid der Normalität.
ma

Sonntag, 29. März 2020
Im örtlichen Krankenhaus seien bisher drei Patienten an der Pandemie verstorben. Die Beschäftigten dort würden jetzt Gratismittagessen erhalten. Auch würden sie bei einer Bäckereikette eine Kaffee, eine Brezel und eine Krapfen umsonst erhalten, wenn sie sich als Beschäftigte des Krankenhauses auswiesen. Das ist schön.
Eine Gefahrenzulage zu bezahlen wäre allerdings schöner.
PN

Samstag, 28. März 2020
Endlich mal wieder ein schöner Tag. Frühling. Ich unternehme meinen Gesundheitsspaziergang rüber an die Isar. Nachmittag. Auf dem Mittleren Ring rollt zügig der Verkehr. Auch an der Isar ist einiges los, aber, das fällt auf, die Leute achten auf den anempfohlenen Abstand. Früher bin ich um diese Zeit zu Hause gesessen und habe mir im Radio die Bundesliga-Berichterstattung angehört. Aber die gibt es ja nun gefühltermaßen schon seit Jahren nicht mehr.
Hqd


Im Reformhaus ist die maximale Anzahl von Kunden quotiert. Nicht mehr als 15 Menschen gleichzeitig werden auf den Verkaufsflächen gewünscht. Anders als im Biomarkt die Straße runter wird die Regelung aber nicht von Wachpersonal durchgesetzt. Bargeld ist aktuell fast überall verpönt und die Sicherheitsfeatures beim Kartenzahlen sind ausgesetzt: keine Unterschrift, keine Zahlenkombination, nichts, was Oberflächenkontakt benötigt.
Die mediale Präsenz der Pandemie ist nach wie vor hoch. Kein Wunder, ist es doch die erste Epidemie, die auch und vor allem erst einmal den neuen global orientierten Mittelstands betrifft und da sind die Medienschaffenden, rein soziologisch gesprochen, auch mit drin. Die drakonischen Gegenmaßnahmen spüren sie auch. Die intensiven Maßnahmen zum Aufbau von Pflege von Sozialkapital muss virtualisiert werden und das ist immer ein bisschen dünner als die Offlineinteraktion, vor allem wenn diese mit gemeinsamen Erlebnissen verknüpft ist.
Ein Volltreffer auf ohnehin rauer See bedeutet Corona für all jene, die ohnehin in prekären und schlecht bezahlten Jobs unterwegs sind. Von Homeoffice und Einschränkungen im Networking ist da keine Rede, auch nicht von Reserven um mal ein paar Wochen überstehen zu können.
ma

 

Freitag, 27. März 2020
Adidas & Co. zahlen ihre Mieten nicht mehr und berufen sich dabei auf das Corona-Hilfsprogramm. Empörung auf Seiten der Politik. (Großes Schmunzeln aus den Chef-Etagen von Adidas & Co.) Mir kommt dabei eine Begebenheit in den Sinn, als ich im Dezember 2004 im Auftrag der Oberpfälzer Nachrichten über eine Gesprächsrunde mit dem tschechischen Historiker Frank Boldt, dem Schriftsteller Lutz Rathenow und einem tschechischen Journalisten und Unternehmer namens Rudolf Tomsu berichten sollte. Letzterer beklagte die ‚brutale Kälte’ und ‚gerissene Juristerei’, die in Tschechien vorherrsche, und attestierte seinem Land eine ‚Krise des Vertrauens’, weil, so behauptet er allen Ernstes, Marktwirtschaft nur auf Basis gegenseitigen Vertrauens funktionieren könne. (Großes Gelächter aus den Chef-Etagen von Adidas & Co.)
In der ARD wird berichtet, dass in Frankreich ein TGV zu einem fahrenden Hospital umgerüstet worden ist, damit Intensiv-Patienten schnellstmöglich in Fachkliniken gebracht werden können. Zum ersten Mal höre ich in diesem Bericht von schwersten Verläufen der Infektion auch bei vorher kerngesunden, jungen Männern. Kurz darauf wird das auch von Prof. Uwe Janssen, Präsident der DIV, bestätigt, der in einem Interview ebenfalls von schwersten Verläufen auch bei jungen Menschen berichtet. Die höhere Todesrate bei älteren Patienten führt er darauf zurück, dass jüngere Menschen aufgrund ihrer besseren Konstitution die dramatische Situation eher überstehen.
Nicht ganz ungefährlich also, diese demografischen Säuberungsansätze von Söder & Co. Weder gesundheitlich und schon gar nicht gesellschaftspolitisch, weil da zwei elementare Grundrechte auf Kollisionskurs gebracht werden; nämlich das Recht auf körperliche Unversehrtheit vs. das Recht auf materielle Versorgung. Und das könnte schneller als gedacht zu einer explosiven Angelegenheit werden.
Hqd

Die 90-jährige Nachbarin getroffen. Ihre Tochter hätte ihr jetzt verboten, mit ihrem Gehwagen in den Lebensmittelmarkt und zum Friedhof zu laufen. Das seien aber die einzigen Dinge, die ihr noch Spaß machen würden.
Wieder einkaufen für die Eltern. Dort, wo vor zwei Tagen noch eine Plastikplane vor der Kasse hing, unter der ein Azubi eingelernt wurde, jetzt hinter einer dicken Plexiglasscheibe die Frau, die den Azubi angelernt hat. Es gab Klopapier.
In Italien sind heute fast 1000 Leute gestorben. Der Papst spricht den Segen Urbi et Orbi, was seine Vorgänger bisher nur bei Papstkrönungen, an Ostern und an Weihnachten taten.
Der Nachbar will nach Baden-Württemberg fahren, weil da die Baumärkte noch geöffnet seien. Er will ein Hochbeet anlegen. In Baden-Württemberg dürfe man auch noch Motorrad fahren. In Bayern sei das mittlerweile verboten, weil viele Motorradfahrer verunglücken, die dann den Corona-Patienten ihre Betten wegnehmen würden, sagt er.
Ein junger Blinder geht mit Stock über die Lechbrücke und rempelt eine ältere Frau an. ‚So halten sie doch Anstand!’ empört sich diese. ‚Ich gehöre zu der Minderheit von Menschen, die nicht an den Unsinn mit Corona glauben, und ich mache was ich will!’ entgegnet der Blinde. Die Frau tickt völlig aus. Der Blinde auch.
Ich zähle die Ausgetickten, die mir heute über den Weg gelaufen sind. Es waren mindestens 12.
PN


Die Olympischen Spiele sind jetzt verschoben bzw. abgesagt. Doch wenn es um die Planung zum größten Volksfest der Welt geht, herrscht noch Stille. Anscheinend fürchtet München diese Absage mehr als eine Ausgangsbeschränkung. Vor Mai oder gar Juni will man hier nicht Farbe bekennen. Immerhin haben die Cholera-Epidemien in den Jahren 1854 und 1873 auch schon zu Absagen geführt, aber noch ist anscheinend nicht klar, ob das, was gut war für das 19. Jahrhunder auch gut fürs 21. ist.
ma

 

Donnerstag, 26. März 2020
Mein Tagesablauf findet inzwischen in routinierten Strukturen statt. Ich stehe spät morgens auf, früh-stücke und räume meine Wohnung auf, was zum Glück nicht allzu viel Zeit in Anspruch nimmt. Dann setze ich mich an meinen Laptop und schreibe ein, zwei Stunden. Dann gehe ich einkaufen, mache was zu essen und gehe dann ein bisschen spazieren, um dann hinterher noch mal ein paar Stunden am Computer zu arbeiten. Ich mache also das, was ich jetzt den ganzen Winter über auch gemacht habe. Aber eigentlich hatte ich mir schon vorgenommen, jetzt im Frühjahr etwas mehr unterwegs zu sein. Freunde und Freundinnen treffen und natürlich auch meine Kinder und meinen kleinen Enkel, vielleicht wieder mal ins Theater, hin und wieder ein Konzert und das eine oder andere Bier in einer der von mir bevorzugten Kneipen. Das alles geht nun leider nicht und ich bin froh, dass da noch gut 200 DIN-A4-Seiten Text seit Jahren auf seine finale Bearbeitung warten und worin ich verschwinden kann, wann immer mir der Sinn danach steht.
Die ziemlich rigide Ausgangssperre in Kolumbien ist bis Mitte April verlängert worden. Erlaubt sind Einkauf, Arztbesuch und 20 Minuten Gassi gehen, falls man einen Hund hat.
Hqd


Die Apotheke hat eine große Plexiglasscheibe auf Kopfhöhe der Verkaufstheke angebracht. Dieser improvisierte Spuckschutz ist vielleicht auch notwendig, weil neben Medikamenten jetzt auch Toilettenpapier verkauft wird.
ma

 

Mittwoch, 25. März 2020
Die bayr. Staatsregierung hat nachgebessert. Auf der Seite des Innenministeriums wird darauf hin­gewiesen, dass bezüglich des Kontakts zu den getrennt lebenden, minderjährigen Kindern die Aus­nahmeregelung nicht nur für Väter mit Sorgerecht sondern auch für Väter mit Umgangsrecht gilt.
Münchens OB Reiter (61) schlägt dem örtlichen Einzelhandel vor, für Senioren ab 65 zu deren Schutz exklusive Einkaufszeiten täglich von 8-9 Uhr zu reservieren. Wie das über die Bühne gehen soll, wenn in dieser Morgenstunde 266.265 Bürgerinnen und Bürger (Stand 2018) vor den Lebensmittelläden auf der Matte stehen, sagt er nicht. Und wie mit all den Senioren zu verfahren ist, die gerne mal aus­schlafen, das sagt er auch nicht.
Irgendwo sehe ich wieder Söder seine Lieblingsanekdote von hustenden, ‚Corona, Corona’-rufenden Menschen erzählen. Unterschwellig steckt darin nach meinem Empfinden die Botschaft, dass man das ganze Schlamassel zwar irgendwelchen alten Leuten zu verdanken hat, die man aber trotzdem nicht anhusten darf, weil die dadurch zu einer Belastung für das Gesundheitssystem werden könnten.
Hqd

 

Dienstag, 24. März 2020
Diese ständig wiederholte Androhung der Ausgrenzung und Isolation bekommt etwas Bedrohliches. Ich lese in einer Kölner Tageszeitung einen Kommentar, in dem der Autor ziemlich bösartig über die Verantwortungslosigkeit älterer Menschen herzieht, die da glauben, sie müssten sich noch immer beim Einkaufen unter die restliche Bevölkerung mischen. Unterfüttert wird dieser Artikel durch ein Foto, auf dem ein altes Ehepaar in einem Supermarkt zu sehen ist, das sich vor einem Regal bückt, um den Preis der Ware lesen zu können. Ich bin auf der Suche nach einer detaillierten Statistik, die die Altersstruktur der Fallzahlen in Deutschland ausweist. Die lässt sich komischerweise gar nicht so leicht finden. Festzustehen scheint, dass der Löwenanteil der Infizierten im Bereich der 15-59-jährigen liegt. Endlich werde ich irgendwo auf der Seite des Robert-Koch-Instituts fündig. Dort steht, dass die meisten Covid-19 Fälle zwischen 35 und 59 Jahre alt sind. Was ja auch nur logisch ist, wo doch diese Altersgruppe durch Berufstätigkeit die höchste Kontaktdichte haben dürfte. Die meisten Todesopfer allerdings sind über 70 Jahre alt. Irgendwie drängt sich da der Gedanke auf, dass mit der Forderung nach Isolation von Alten und Kranken eigentlich, wenn man das in diesem Zusammenhang sagen darf, eine Täter-Opfer-Umkehr stattfindet, wenn man davon ausgeht, dass Alte und Kranke eher begrenzte Sozialkontakte haben und somit selbst kaum jemanden anstecken. Man müsste herausfinden, wie viele Fälle aus der Hauptinfizierten-Gruppe einen schweren Verlauf haben und eine intensive, klinische Betreuung in Anspruch nehmen.
Aber ich kann jetzt erstmal für eine ganze Weile das Wort Corona nicht mehr hören und sehen. Ich klappe meinen Internet-Rechner zu und bin entschlossen, ihn für den Rest des Tages auch nicht mehr hoch zu fahren. Ich schlüpfe in Jacke und Schal, stecke meinen Reisepass ein und mache jetzt, wie vom Gesundheitsministerium empfohlen, einen ausgiebigen Spaziergang an der ‚frischen’ Luft.
Hqd

Das Radio angemacht, um zu hören, was in der großen weiten Corona-Welt los ist. Bayern 2 und Bayern 5 aktuell haben fusioniert. Jedes zweite Wort ist Corona. Hört man länger am Stück Radio, bekommt man den Eindruck, das Radioprogramm bestünde nur noch aus dem Wort Corona, nur in unterschiedlichen Tonhöhen und Tonlagen von unterschiedlichen Stimmen gesprochen. Corona als Verb, als Substantiv, als Adjektiv …
Von den Eltern eine Einkaufsliste bekommen. Im Lebensmittelmarkt laufen Durchsagen, dass man aus Rücksicht auf die anderen Kunden keine Hamsterkäufe tätigen solle. Hefe ist aus und Klopapier.
PN


Die Angst kriecht langsam durch die Ritzen der Wohnung. Noch nicht schrill, aber doch mit mehr Präsenz als noch zum Wochenende. Der junge Mann, der sich lautstark mit Headset unterhaltend auf der Supermarktrolltreppe nah an einem vorbeidrängelt, bekommt schon den Titel 'Arschloch des Tages'.
ma

 

Montag, 23. März 2020
Seit heute gilt ein bundesweites Versammlungsverbot, das sich nicht wesentlich vom etwas strengeren in Bayern unterscheidet, das ja für uns hier nach wie vor maßgeblich bleibt.
Ich lese in einem Artikel auf der BR-Seite über die Einhaltung der Corona-Regeln, dass der Sprecher der Münchner Polizei Marcus da Gloria Martins in diesem Zusammenhang von einem Problem mit der Altersgruppe 45+ spricht.
Hqd


Im Hausflur der Wohnanlage hängt ein Zettel von der Familie gegenüber. Sie bietet anderen Bewohnern Unterstützung bei der Organisation und Durchführung der täglichen Grundversorgung an. Der Altersdurchschnitt der Bewohner ist vergleichsweise hoch, einige sind kurz nach der Fertigstellung der Anlage in den späten 60er-Jahren eingezogen. Das Angebot ist furchtbar nett und zugewandt formuliert, macht aber vor allem ein schlechtes Gewissen. Wir sind, wie man so schön sagt in unseren besten Jahren, im Moment noch gesund und müssen lediglich einen Vertreter der Elterngeneration betreuungsseitig abfangen, der – eingesperrt im Pflegeheim – seine Eigenheiten zunehmend telefonisch ausagiert, kurz: auch wir hätten theoretisch Krisenunterstützung anbieten können. Haben wir aber nicht.
ma

 

Sonntag 22. März 2020
Ich finde auf der Website des Bayr. Rundfunks folgende Meldung: Wie das Familienministerium mitteilte, können ab morgen auch die Familien eine Betreuung in Kindertagesstätten und Schulen wahrnehmen, in denen nur ein Elternteil in der Gesundheitsversorgung oder Pflege tätig ist.
Ich leite das an den Bodensee weiter, weil dort ja nun nach in Kraft-Treten der Ausgangsbeschränkung die privat organisierte Kinderbetreuung nicht mehr möglich ist.
Ansonsten verläuft der Sonntag einigermaßen entspannt. Allerdings stelle ich fest, dass ich mich seit ein paar Tagen wesentlich häufiger im Internet bewege, als ich das sonst tue. Mein Hauptrechner war bislang mein offline Laptop, an dem ich an meinen Texten arbeite oder Downloads lese. Das hat sich momentan etwas geändert. Ich bin auf der Suche nach näheren Informationen zum Begriff ‚Risiko-gruppe’, (die, nebenbei gesagt, von seiner Wortaura her suggeriert, als ginge von ihr eine Gefahr aus). Ich fühle mich zwar einigermaßen gesund, falle aber alterstechnisch in diese Gruppe, die da wie auch immer isoliert werden soll, was mich verständlicherweise ziemlich unbehaglich macht. Das Robert-Koch-Institut, das mittlerweile in aller Munde ist, spricht in dieser Hinsicht von 50-60-jährigen aufwärts, von Zuckerkranken, Menschen mit geschwächtem Immunsystem und sonst noch einigen anderen Krankheitsbildern.
Hqd

Am Abend spielt ein Mann auf der Straße auf einem Flügelhorn ‚Freude schöner Götterfunken’. Ein Nachbar herrscht ihn an, was der Unsinn solle. Er solle zu Hause bleiben und Niemanden anstecken. In ganz Deutschland seien Musiker aufgefordert vom Balkon oder auf der Straße um 18 Uhr ‚Freude schöner Götterfunken’ zu spielen, um den Leuten Hoffnung zu machen. Das würde er tun. Eine lange Streitdiskussion folgt. Ich mache das Fenster zu.
PN

Spaziergehen zur Erhaltung der wohl auch psychisch gemeinten Gesundheit gilt als eine der legitimen Ausnahmen der Ausgangsbeschränkung. Kann bei uns nicht gemeinsam umgesetzt werden. Ein abgestürztes IT-System zwingt zum Sonntagseinsatz und häufelt damit persönlich Arbeit, die im Bekanntenkreis schon teilweise ausgeht. Je enger die Koppelung an Kulturarbeit oder Gastro ist, desto durchgreifender die Auswirkungen. Im Bekanntenkreis gibt es bereits die ersten Corona-Arbeitslosen.
ma

 

Samstag, 21. März 2020
Pünktlich zum Frühlingsanfang der erste Schnee, der zumindest auf den Autodächern eine Weile lie­gen bleibt. Kalt. Die Ausgangsbeschränkung ist in Kraft. Ich schlafe lange, frühstücke ausgiebig und gehe ins Netz, in dem es, egal wohin man auch sieht, nichts anderes mehr zu geben scheint als Co­rona. Und was in der Flut von Berichten immer häufiger auftaucht ist das Wort ‚Risikogruppe’. Und dass diese zum eigenen Schutz isoliert werden muss. Davon hat ja auch Söder gestern auf der Presse­konferenz schon ausgiebig gesprochen und hat sie auch explizit benannt: Alte Menschen und Men­schen mit Vorerkrankungen. Insbesondere in Erinnerung geblieben ist mir die von ihm vorgetragene Anekdote von den jungen Leuten, die älteren Menschen ins Gesicht husten und ‚Corona, Corona’ dabei rufen.
Hqd


Der Erste Tag an dem die vorläufige Ausgangsbeschränkung gilt. Homeofficeregelungen sind bereits seit Mitte der Woche in Anwendung und bringt die IT-Abteilung ins Schwitzen. Der Stammsupermarkt zeigt Lücken bei Toilettenpapier, Reis und der Lieblingspizza. Auch Markenglasreiniger hat sich rar gemacht. Im Wartebereich vor den Kassen finden sich liebevolle, im Firmenlayout gehaltene Hinweise auf dem Boden mit der Bitte im Sinne der Gesundheitsvorsorge, doch Abstand zu halten.
Die neuen Beschränkungen schlagen noch nicht auf das Lebensgefühl durch. Der Samstag allein zu zweit als durchaus übliche Praxis. Jeder soll sein eigener Herr sein – das war bisher vor allem als Referenzsystem der psychischen Haushaltung gedacht. Jetzt soll es auch physisch gelten.
Der oder die Einzelne mag Träger des Virus sein, aber als Vereinzelter ist er oder sie kein Überträger. Hier kommt das Idealbild einer Gesellschaft zum Vorschein, in der alle erst einmal eine Inkubationszeit lang zu Hause bleiben und alle Fälle dann mit 100%iger Sicherheit gemeldet werden. Vorstellen können sich das vor allem die Apologeten der Digitalisierung. Hier neigt man zur geistigen Abwertung all der Prozesse und ihrer Akteure, die mit dem Schmutz der physischen Gütererzeugung und der Durchführung von Versorgungsdienstleistungen aller Art beaufschlagt sind. Klar: die Pizza wird im Internet bestellt und die Bestelloberfläche wurde gegebenenfalls von einem Webdesignerteam im neuen Business Space in Berlin Mitte erstellt, das locker den Code auch vom Homeoffice aus erzeugen kann. Aber die Komponenten dessen, was da kommt, hat eine lange Kette menschlich begleiteter Reisen und Distributionsleistung hinter sich. Von dem tatsächlichen Backen im kleinen Team in der überhitzten kleinen Klitsche zwei Straßen weiter einmal ganz abgesehen.
ma

 

Freitag, 20. März 2020
In Kolumbien ist bis kommenden Dienstag strikte Ausgangssperre. Montags ist dort Feiertag und man will wohl verhindern, dass sich alle Welt an irgendwelchen beliebten Ausflugszielen tummelt. Die Schulen sind dort seit einer Woche ebenfalls geschlossen. Und man hat auch hier auf Digital-Unterricht umgestellt. In einer Elite-Schule in Bogota ist das kein Problem. Die sind da wahrscheinlich besser ausgestattet als so manche Schule in Deutschland. Aber für die weniger privilegierten Schulen des Landes wird das wohl eher ein umso größeres Problem sein.
Mittags Pressekonferenz mit Söder, Aiwanger, Herrmann und Huml. Ausgangsbeschränkung! Das war zu erwarten, das hatte sich angedeutet und kommt eigentlich auch nicht mehr überraschend. Aber die Allgemeinverfügung aus dem Gesundheitsministerium, in der die ab Samstag geltenden Bestimmungen formuliert werden, hat es in sich. Darin heißt es u.a., dass bei getrennt lebenden Eltern der Umgang mit den eigenen Kindern nur erlaubt ist zur Ausübung des Sorgerechts. Das ist ein Hammer. Das heißt, dass z.B. Vätern, die nur das sog. Umgangsrecht haben, für die Dauer des Ausnahmezustands der Kontakt zu ihren Kindern untersagt ist. Gesundheitspolitisch lässt sich eine derart gravierende Unterscheidung zwischen Vätern mit und ohne Sorgerecht nicht nachvollziehen. Diese Verfügung aus dem Gesundheitsministerium riecht eher nach konservativer Familienpolitik, die da unter dem Mäntelchen des Infektionsschutzes reaktiviert werden soll. Da heißt es also aufgepasst, was da jetzt sonst noch so alles an gesellschaftspolitischen Maßnahmen auf den Weg gebracht wird.
Hqd

Der Nachbar, der im Home-Office-Modus arbeitet, hat von seiner Firma ein Päckchen Desinfektionsmittel, Datensticks und Arbeitsunterlagen geschickt bekommen. Auf dem Postweg ist das Desinfektionsmittel aufgeplatzt. Ein Briefumschlag voller Sauce! Er flucht.
Sonntagsspaziergang auf den nahen Feldern. Die Leute grüßen sich plötzlich wieder, wie es sonst nur in sehr kleinen Ortschaften üblich ist. Man hält gebührend Abstand. Wenn jemand hustet töten ihn die Blicke.
Die Nachbarin, die vor ein paar Tagen 90 wurde, getroffen. Nachträgliche Glückwünsche. Sie geht jeden Tag ein paar hundert Meter mit ihrem Gehwagen zu ihrer Tochter, jeden zweiten Tag auf den Friedhof zum Grab ihres Mannes und in den Lebensmittelmarkt. Für sie habe sich nichts verändert. Jeder Tag sei gleich. Ruhiger sei es geworden auf der Straße.
PN

 

Donnerstag, 19. März 2020
Ich komme von meinem täglichen Spaziergang nach Hause und treffe auf der Treppe einen Nachbarn, der völlig außer sich ist. Er sei gerade draußen im PEP-Einkaufszentrum gewesen und habe dort festgestellt, dass da draußen alles dicht ist. Er selbst arbeitet in der Gastronomie und hat gedacht, dass nur Gaststätten geschlossen hätten. Ich kläre ihn auf.
Hqd

 

Mittwoch, 18. März 2020
Ich lese seit Wochen schon bis tief hinein in die Nacht (Das Kapital 1) und bin froh, dass ich ohne schlechtes Gefühl morgens ausschlafen kann, solange ich will. Es ist ein sonniger Tag und ich lege heute meinen Waschtag ein. Waschsalon an der Tegernseer Landstraße. Außer mir ist niemand da und ich stelle einen Stuhl raus aufs Trottoir in die Sonne. Im Wienerwald nebenan betreibt man einen regen Straßenverkauf. Eigentlich sieht alles aus wie immer.
Hinterher spaziere ich gemütlich heimwärts, mache mir noch mal einen Kaffee und setze mich wieder an meinen Rechner und schreib weiter an dem Text, den ich gerade in Arbeit habe. Ich stelle fest, dass sich für mich persönlich die ganze Angelegenheit noch ziemlich entspannt anfühlt.
Hqd

 

Dienstag, 17. März 2020
Ich schlafe bis in die Puppen. Nach einem ordentlichen Frühstück setze ich mich in den Bus in die Innenstadt, um mir die ausgangsbeschränkte Stadt anzuschauen. Der Bus ist nahezu leer. An der nächsten Haltestelle steigt ein leicht verwahrloster Mann mit großer Plastiktüte ein und zwängt sich neben mich auf den freien Nachbarsitz. Verdammt eng hier drin, sagt er zu mir. Ich frag ihn, ob er sich denn nicht woanders hinsetzen könne. Der Bus ist doch leer. Wo solle er denn hin?, fragt er mich. Nicht aggressiv sondern eher hilflos verwirrt. Ich stehe auf, schlängle mich an ihm vorbei und setze mich auf die freie Sitzbank am Heck des Busses.
Ich fahre vorbei an all den geschlossenen Läden, den Buchhandlungen und Cafés, den Boutiquen und Schmuck-Geschäften und Reisebüros und es ist leicht vorstellbar, auf welch glühenden Kohlen jetzt nicht nur die Betreiber dieser Unternehmungen sitzen, sondern auch deren Angestellte, von denen doch kaum einer der Illusion nachhängen dürfte, dass all das in ein paar Tagen wieder vorüber ist. Und ich bin irgendwie erleichtert, dass ich selbst altersbedingt keiner Lohnarbeit mehr nachgehen muss. Aber das ist kein Grund zur Freude. Zum einen bekomme ich meine magere Rente nicht vom lieben Gott geschickt und zum anderen braucht es nicht viel Fantasie um sich auszumalen, wie schwer sich die Existenzängste all dieser Menschen in die eh schon nicht ganz leichte Atmosphäre der Stadt einlagern werden.
Hqd

Wie ein Kultur- und Kunstbetrieb ohne Besucher aussehen soll, ist eine neue und bislang unbekannte Erfahrung.
Ein Witz aus Künstlerkreisen: ‚Was machst Du gerade?’
‚Ausstellungen absagen!’
Christine Wunnicke fordert auf facebook Online-Dichterlesungen.
Morgens sehe ich mir immer die neue Folge von Angst. Saurier an. Nikolai Vogel sitzt zu Hause im Flur, und liest jeden Tag ein Kapitel aus seinem unveröffentlichten Roman Angst. Saurier von 2017 ein, und filmt sich dabei. Jeden Tag ein Kapitel, das er bei youtube reinstellt. Saurier sind in der Wohnung. Der Flur ist der einzige Ort wo Silke und Nikolai noch sicher sind. Ein DIY-Kammerspiel in Zeiten der Ausgangsbeschränkung.
Abends eine Übertragung des Münchner Marionettentheaters im Internet angesehen. Das steht auf meiner bucket list. Ich wollte da immer mal hin, bin aber nie dort gewesen. Die Zauberflöte. Die Puppenspieler spielen live mit Mundschutz.
Fieber gemessen. Kein Fieber. Man wird schon ganz kirre.
Die Schwabinger Schaumschläger posten jeden Sonntag eine zu Hause produzierte Folge ihrer Show bei youtube, gefolgt von einem Spendenaufruf.
PN

 

 

Montag, 16. März 2020
Ich bin abends in einer beliebten Kneipe im Westend und trinke dort noch ein Bier, bevor am nächsten Tag dicht gemacht wird. Hinter der Bar ein alter Freund von mir, mit dem ich noch einmal anstoße auf die klasse Musik, die er seit über zwanzig Jahren in die Stadt holt. Er ist hauptberuflich Konzert-Veranstalter und ihm brechen gerade, wie vielen anderen Leuten aus dem Kulturbetrieb, all seine Einnahmequellen unter den Füßen weg.
Hqd

Um 6 Uhr aufgestanden. Schon früh am Flughafen. Kaum Verkehr auf Malta. Wir sind viel zu früh. Leute in orangen Warnwesten sind nicht zu sehen.
Die Schlangen am Schalter für die Chartermaschinen sind lang. Das Social Distancing müssen die Deutschen Urlauber erst noch einüben.
Die Frau aus dem Hotel mit dem Topfhut, ist auch nicht zu sehen. Sie ist wohl noch nicht auf die Liste gekommen oder vielleicht schon über London ausgeflogen.
Reisende tauschen ihre Erlebnisse aus. Manchen seien am ersten Abend vom Abendessen weggeholt, und unter Quarantäne gestellt worden. Hätten ihr Hotelzimmer nicht verlassen dürfen. Hätten von Malta nichts gesehen außer während der Fahrt vom Flughafen zum Hotel. Muss sehr schön sein, die­ses Malta, sagt ein Mann mit dem T-Shirtaufdruck Norbert, der Tepppichbodenprofi. In Deutschland schlimme Zustände. Klopapier ausverkauft.
Um Elf Uhr kommen ein Mann und eine Frau in gelben Warnwesten mit der Aufschrift Bundesrepublik Deutschland. Der Honorarkonsul mit einer Angestellten. Sie helfen weiter und beantworten Fragen.
‚Odysseus erlitt Schiffbruch und verbrachte 7 Jahre in Abgeschiedenheit auf der maltesischen Insel Gozo. Das haben meine Frau und ich auch schon befürchtet, dass uns das blüht’, erzählt Jemand hin­ter uns in der Schlange. Vermutlich ein Altphilologe.
Jeder kann eine potenzielle Corona-Viren-Schleuder sein. Ich, Du, der vermeintliche Altphilologe, Nor­bert der Teppichbodenprofi, der hilfsbereite schlaksige Honorarkonsul, die jungen Mädchen von der gestrandeten deutsche Klassenfahrt in der Schlange vor mir. Das muss ich mir jetzt endlich mal ver­innerlichen.
Den Ausreisewilligen wird vor Abflug Fieber gemessen.
Im Flieger eingeschlafen.
Geträumt Norbert der Teppichbodenprofi sei unter einer bestimmten Wolke vergraben. Die Frau mit dem Topfhut trüge zum Hut eine gelbe Warnweste, und würde verzweifelt nach ihm buddeln. Was fin­det sie? Roccos Töfftöff.
Ankunft Frankfurt Flughafen. Kein seitenlanger Fragebogen mit Fragen wie wo man sich auf Malta aufgehalten hat, mit wem man wo alles Kontakt hatte ist auszufüllen. Das hatte ich befürchtet. Keine Passkontrolle. Keine Polizeikontrolle. Nichts. Nur ein fast menschenleerer Flughafen, leer gefegte Hal­len, durch die der Rih Isfal (der mieseste Laune-Wind Maltas) thunderweeds bläst.
Ich komme mir vor, wie einer der letzten Reisenden Europas und mir wird schreckhaft bewusst, dass ich das in dem Moment tatsächlich bin.
Mit dem Zug nach München. Um Elf Uhr zu Hause um anderntags pünktlich wieder arbeiten zu gehen.
gag

Mit dem Zug nach München, weil eine Ausgangssperre zu erwarten ist. Gespenstisch die Menschen im Zug, gespenstisch der Hauptbahnhof, gespenstisch mein Pommes-Verzehr am Hauptbahnhof. Eine Käseglocke aus Ängsten und Dienst-nach-Vorschrift hängt über der Stadt.
PN

 

Sonntag, 15. März 2020
Eine baldige Ausgangssperre liegt in der Luft und ich fahre, solange das noch geht, runter an den Bodensee zu einem Familienbesuch. Es sind auffallend wenig Asiaten im Zug, wo doch diese Strecke bis Buchloe normalerweise massiv frequentiert wird von Neuschwanstein-Touristen und man oft ge¬nug bei passendem Wetter kaum ein Sitzplatz ergattern kann. Schul- und Kita-Schließungen sind auch am Bodensee ein Thema. Notbetreuungen für Kinder von Eltern in systemrelevanten Berufen stehen aber nur Alleinerziehenden zur Verfügung. Deshalb organisiert man sich im privaten Umfeld.
Hqd

Telefonat mit dem Manager. Wir stünden nicht unter Quarantäne und dürften rausgehen. Er entschul­digt sich für den Irrtum.
Den Aufenthalt verlängert, wieder Koffer gepackt, wieder am Meer gesessen.
Im Buch über den maltesischen Humor findet sich ein Witz aus dem alten Rom. ‚Herr Doktor, ich habe so Nackenschmerzen vom Schlafen.’ – ‚Wie schlafen Sie?’ – ‚Auf dem Boden, den Kopf auf eine Am­phore gelegt.’ – ‚Benutzen Sie Daunen, um ihren Kopf draufzulegen, dann werden ihre Schmerzen schon weggehen’. Ein paar Tage später: ‚Herr Doktor. Ich habe immer noch schreckliche Nacken­schmerzen.’ – ‚Haben Sie meinen Rat denn nicht befolgt? Haben sie keine Daunen genommen?’ – ‚Doch.’ – ‚Wie viele?’ – ‚Ganz viele. Ich habe die Amphore damit ausgestopft.’
Telefongeklingel. Gleich doppelt. Bei mir ist es die für uns zuständige Frau von Sonnenschirmfreude­reisetouristik, die keine Neuigkeiten hat. Bei meiner Freundin ist der Honorarkonsul der Bundesrepu­blik Deutschland in der Leitung. Wir seien auf die Liste gekommen und hätten uns Morgen Mittag am Flughafen einzufinden. Es gingen zwei Chartermaschinen nach Frankfurt.
Näheres könne er nicht sagen. Wir sollten vor Ort die Leute in den orangen Warnwesten fragen. Die würden uns dann weiterhelfen. Die seien nicht zu übersehen.
Vor dem Denkmal für die prominente ermordete maltesische Enthüllungsjournalistin, ein Denkmal das wie das Michael-Jackson-Denkmal in München ursprünglich für jemand anderen errichtet, und dann von der Bevölkerung umgewidmet wurde gesessen, und hoffentlich ein letztes Eis gegessen.
gag

'Was hast Du heute in der Arbeit gemacht? Die Einrichtung ist doch geschlossen?’
‚Der Chef hat ein Rezept der WHO zur Selbstherstellung von Desinfektionsmittel ausgedruckt und die Zutaten in der Apotheke besorgt. Wir haben alle Türklinken und Lichtschalter im Haus damit eingesprüht.’
PN

 

Samstag, 14. März 2020
Wieder Lebensmittel auf Vorrat gekauft und aufs Zimmer gebracht. An der Rezeption nachgefragt, ob es Neuigkeiten gäbe. Wir werden angewiesen, unser Zimmer auf keinen Fall zu verlassen. Wir stünden unter Quarantäne. ‚Ihr müsst Tausend Euro Strafe zahlen, wenn ihr Draußen erwischt werdet. Anwei­sung des Hotelmanagers. Ihr dürft nicht mehr raus!’, sagt der Rezeptionist mit dem russischen Akzent, und dreht seinen angeknabberten Bleistift zwischen seinen Fingern. Deswegen die Teebeutel und der Wasserkocher vor unserer Tür! Aufmerksamkeit des Hotels für seine Gäste. Wir seien doch schon am 4. März eingereist. Das sei ein Missverständnis. ‚Das spielt keine Rolle. Klärt das morgen mit dem Hotelmanager. Heute bleibt ihr im Zimmer. Basta.’
gag

Alle kommenden Termine im Terminkalender durchgestrichen. Alles abgesagt außer dem TÜV-Termin.
PN

 

Freitag, 13. März 2020
Schulen und Kitas schließen.
Auf der Website des bayrischen Rundfunks wird diese Maßnahme dreimal redaktionell kommentiert. Pro und Contra und dann noch ein Kommentar vom Chefredakteur höchstselbst, in dem ich u.a. folgendes lese: Alte und gesundheitlich vorbelastete Menschen müssen – so schwer das fällt - isoliert werden. Diese Formulierung erzeugt irgendwie eine sehr ungute Assoziation. Bei dieser Wortwahl denkt man nicht unbedingt an Gesundheitsschutz sondern eher an die gesellschaftliche Ausmusterung eines vermeintlich ökonomisch nicht mehr verwertbaren Bevölkerungssegments.
In den Schulen soll vorläufig ein Not-Unterricht digital weiter geführt werden. Man geht offenbar davon aus, dass inzwischen auch die Ärmsten im Lande entsprechend technisch ausgerüstet sind. Daran darf gezweifelt werden.
Hqd

Wieder Lebensmittel auf Vorrat gekauft. Wieder nichts von der Deutschen Botschaft gehört. Wieder für eine Nacht verlängert. Lange Schlange an der Rezeption. Wieder am Meer. Im Buch über den maltesischen Humor steht auf Malta gäbe es den Nordwind Arihfuq und den Südwind Rih Isfal. Beide würden auch als Metaphern für maltesische Gemütszustände benutzt – Arihfuq stünde für gute Laune und Rih Isfal für miese Laune.
In Malta gäbe es eine komische Figur namens Grahan. Das sei ein Junge zwischen 8-14 Jahren. In anderen Ländern gäbe es diese Figur auch, den erwachsenen Grahan, einen glückliche Dorfdeppen. Dieser hätte seinen Ursprung im 9.-13. Jahrhundert. Im Arabischen gäbe den Guha oder Guhan, in Sizilien hieße er Giufa. Vermutlich sei die Figur des Guhan über Sizilien nach Malta gelangt. Eine Geschichte, die man sich auf Malta erzählt: Grahan sucht einen Schatz, den er in der Wüste vergraben hat und kann ihn nicht finden. Ein des Weges kommender Beduine sagt: ‚Du hättest die Stelle markieren sollen, an der du ihn vergraben hast’. Grahan: ‚Habe ich doch. Ich habe ihn genau unter einer bestimmten Wolke vergraben.’
Eine Frau, die auch in unserem Hotel wohnt, schreckt mich aus meiner Lektüre, erzählt, dass man über Istanbul jetzt auch nicht mehr ausfliegen könne. Die hätten den. Bliebe nur noch über London. Das würde aber Tausend Euro kosten. Ein unvorteilhafter Topfhut verschattet ihr Gesicht. Sinnvoller sei es, auf diese Liste des Konsuls zu kommen und einen Platz in der Chartermaschine zu ergattern. London ginge im Moment noch.
England hat bisher noch keine Maßnahmen gegen die Pandemie mit dem Biernamen getroffen. Das merkt man auch hier. Wenn man noch gut gelaunte Touristengrüppchen sieht, die unbeschwert Pizza essen und Bier trinken, sind es Engländer.
gag

 

Donnerstag, 12. März
Ich stehe an der Hotelrezeption, den Geldbeutel in der Hand, habe ich doch noch die Kurtaxe für eine Woche Touristenaufenthalt auf Malta nachzuzahlen, da fällt mein Blick auf einen Zettel, der dort ausliegt.
Liebe Gäste, die WHO hat Covid 19 zur Pandemie erklärt. Der Flugverkehr nach Deutschland und Frankreich ist deswegen ab 11.3. ausgesetzt worden. Für weitere Auskünfte wenden Sie sich bitte an die Französische bzw. Deutsche Botschaft.
Ein Moment, der das Herz kullern lässt. Morgen wäre unser Rückflug gewesen. Schneller als gedacht ist das nach Malta gekommen, was man später einmal die Corona-Krise nennen wird.
Bei der Einreise wurden alle von einer Wärmebildkamera gefilmt. Die mit Fieber durften nicht ins Land. In den Museen und Geschäften standen Handdesinfektionsspender. Vorgestern in der Zeitung wurde von 4 Corona-Fällen auf Malta berichtet. Der Flug- und Schiffsverkehr nach Italien wurde eingestellt. Sonst hat man hier eher wenig von der Corona-Krise mitgekommen.
Wieder im Zimmer. Bei der Deutschen Botschaft ist immer besetzt.
Auf der Homepage steht, man solle nicht anrufen, sie seien völlig überlastet. Man solle sich als deutscher Staatsbürger auf Malta melden, dann würde man auf eine Liste gesetzt und mit Chartermaschinen ausgeflogen. Wir schreiben eine Mail mit unseren Daten.
Eine deutsche Frau, die ab Mittag an der Hotelrezeption arbeitet, meint, am sinnvollsten sei es, schnell in ein Reisebüro zu gehen und selbst einen Flug über Istanbul nach Deutschland zu buchen. Die Politik unseres Hotels sei, wer auscheckt und zum Flughafen fährt, dürfe nicht mehr aufgenommen werden. Also die Übernachtung verlängern. Erstmal für eine Nacht.
Der Hygienespender in der Hotellobby wird heute auffällig häufig benutzt.
Die für uns zuständige Frau von unserem Reiseveranstalter Sonneschirmfreudereisetouristik telefonisch erreicht. Sie rät uns nichts selbständig unternehmen. Sonneschirmfreudereisetouristik würden sich darum kümmern.
Anruf vom Hotelmanager. Ob wir schon gehört hätten. Ja, wir haben schon gehört.
Lebensmittel und Wasser kaufen und noch Bücher. Im Schreibwarenladen um die Ecke. Wer weiß wie lange wir irgendwo an einem Flughafen sitzen und warten müssen. Wer weiß, wie lang die Geschäfte hier noch geöffnet sind.
Koffer packen, am Meer sitzen, unruhig in dem eben gekauften, wissenschaftlichen Buch über den Humor der Malteser lesen, und auf einen eventuellen neuen Anruf unseres Reiseveranstalters warten. Immerhin ist es jetzt sonnig und warm geworden.
Vati mailt in Deutschland hätten bis auf die Lebensmittelmärkte schon alle Geschäfte geschlossen. Das Leben würde sich anfühlen wie ein Salamander im Gefrierfach. Wir sollen unseren verlängerten Auf-enthalt genießen. Klopapier scheint in Deutschland Mangelware zu sein. Es gibt unzählige Facebookposts. Unvorstellbar. Das Tuckern der Boote. Die an- und abschwellenden Wellen. Die Vogelschrift am Himmel.
Mit dem Bus ins nahe Valletta. Das öffentliche Leben ist nun auch in Malta über Nacht heruntergefahren worden.
Gestern waren wir noch im Pop-Up-Cinema und im ältesten Plattenladen der Welt. Heute haben nur noch ein paar Kirchen, eine Eisdiele, ein Andenkenladen und eine Ausstellung von sogenannten Dilettanten, also Hobbykünstlern, die maltesische Altäre und Kirchen nachgebaut haben, geöffnet. Und die Kirche mit den zwei echten Caravaggios. Dort sollen wir einen Kindertretroller abholen, den der Sohn einer befreundete Restauratorin und eines Kunstprofessors aus Zürich dort vor einen halben Jahr vergessen haben. Der Roller sei noch da. Sie hätten eine Mail bekommen. Roccos Töfftöff.
Vor der Kirche stehen gleich fünf Sicherheitsleute mit Mundschutz, die uns nicht einlassen wollen. Ich muss meine Flugtickets zeigen, ihnen bestätigen, dass ich vor dem 11. März eingereist bin und mich frei bewegen darf. Diejenigen Deutschen, die nach dem 11. März 12 Uhr ins Land gekommen sind, stünden unter Quarantäne und dürften ihre Hotelzimmer gar nicht mehr verlassen. Man lässt uns in die Kirche, allerdings darf man nurmehr mit Karte bezahlen und muss die Hände desinfizieren. Wir suchen die Caravaggio-Gemälde. Anruf von Sonnenschirmfreudetouristikreisen. Eine aufgeregte Dame am Apparat. Keine Neuigkeiten. Wir sollen nicht selbständig einen Flug buchen. In der Aufregung vergessen nach dem Töfftöff zu fragen.
In der Nähe des geschlossenen ältesten Plattenladens der Welt, dessen letzter oder vorletzter Kunde ich gestern war, sitzt wieder der Mandolinenspieler. Wo wir herkämen. Deutschland. Wir müssten jetzt auf eine Chartermaschine warten, die uns ausfliegt. Der Mandolinenspieler sagt, er dürfte eigentlich auch nicht mehr spielen, aber seine Frau hätte es mit ihm nicht ausgehalten, den ganzen Tag in der Wohnung, und ihn wie jeden Tag zum Spielen auf die Straße geschickt Wer weiß wie lange er das noch dürfe. So eine Pandemie, sagt er, das hätten selbst seine Eltern, die den 2. Weltkrieg miterlebt hätten, nicht erlebt. Erst China, dann Italien und jetzt die ganze Welt. So etwas hätte bisher Niemand erlebt. Er spielt ein deutsches Lied für uns ‚Die Gedanken sind frei’ und wünscht uns Glück. Wir ihm auch.
Noch eine Weile am Busbahnhof gesessen, der Mandoline von fern zugehört und auf die honigfarbenen Häuser von Valletta in der Abendsonne gekuckt.
Sehr bald wird es keine Straßenmusik mehr geben. Wer weiß für wie lange?
Viele afrikanisch aussehende Leute in den Bussen, kaum noch Einheimische. Die Busfahrer müssen alle Mundschutz tragen.
gag